Roadtrip
Hippies im Herzen
Pia & Andreas

Basler im Ausland - Hippies im Herzen

Veröffentlicht am Freitag, 01. Februar 2019 von Devina Solanki.

Hippies im Herzen: die Basler Pia und Andreas und ihr einjähriger Roadtrip mit dem VW Bus.

Haus verkaufen, VW Bus zutun und ab durch die Mitte? Ganz so einfach war es zwar nicht, aber sie haben es getan!

«Ich behaupte jetzt mal, dass es genügend Menschen gibt, die den Traum hegen, einmal ein Jahr um die Welt zu reisen. Wie lange dauerte es, bis ihr es tatsächlich umsetzen konntet?», frage ich Pia und Andreas. 

Auch hier folgten wir unserem Credo, welchem wir bis heute treu geblieben sind, das da lautet: «geplant-planlos»

«Vor rund zwei Jahren entstand die Idee, unser Haus zu verkaufen und uns für rund ein Jahr eine Auszeit zu gönnen», antwortet mir Andreas. «Was war das für ein Gefühl, sogar ein Haus hinter sich zu lassen?», möchte ich weiter wissen. «Da wir der Meinung waren, dass wir hier, wo wir seit unserer Geburt gelebt und gearbeitet haben, nunmehr alles gesehen und ausgekostet haben, ging der Entschluss, Reisen gehen zu wollen einher mit dem Bewusstsein, unser Haus dafür zu "opfern". Kein Ballast, kein Rückhalt – Freiheit und offen für das, was in unser Leben kommen will. Denn obschon ein Haus viele, ja, sehr viele Annehmlichkeiten hat, birgt es dennoch ein grosses Negativum: Es hält dich wie ein Anker hier vor Ort», lässt mich Andreas weiter wissen.

Man strande quasi auf leisen Sohlen. Und hier wollten sie entschieden und entschlossen das Steuer ihres Lebens herumreissen. Nach siebzehn Jahren brauchte es offensichtlich ein beträchtliches Mass an Mut. Letztendlich konnten sie in den vergangenen zwei Jahren aber langsam von ihrem Haus Abschied nehmen, sodass das finale Schlüsselumdrehen ohne weitere Gefühlsregungen von statten ging. Auf der anderen Seite waren und ist die Neugier um Einges grösser: Was hat das Leben mit ihnen noch vor?

«Gab/gibt es spezielle Orte, welche ihr unbedingt sehen wolltet/wollt?», frage ich weiter. 

«Auch hier folgten wir unserem Credo, welchem wir bis heute treu geblieben sind, das da lautet: "geplant-planlos". Andy wollte unseren Europatrip gerne in den Dolomiten beginnen und eher zufällig kam im weiteren Verlauf Lourdes hinzu. Nicht weil wir so was wie gläubig wären, nein, es war die Neugier, das "wenn wir schon in der Nähe sind, dann müssen wir dort hin"», erzählt mir Pia.

«Ihr wart jetzt gute drei Monate in Europa unterwegs, was hat euch bis jetzt am besten gefallen?», möchte ich wissen. 

Es sei sehr schwierig, eine Hitliste zu erstellen, denn jeder Ort und jede Landschaft habe seinen eigenen Reiz. Sicherlich sollte man Bordeaux gesehen und erlebt haben. Eine Stadt, die sie das eine oder andere Mal an die Zeit unmittelbar vor dem Morgenstraich erinnerte. Sehr viele Menschen seien in dieser wunderschönen Stadt unterwegs, ohne dabei den Chill-Modus verlassen zu haben. Ganz im Gegensatz zur Barcelona-Hektik, in welcher Lärm und Gestank nichts für zarte Seelen sei. Ebenfalls sehr zu empfehlen sei Biarritz, ein Ort, wo man den Esprit der 50-er und 60-er Jahren noch spüren könne. Auch wenn die Erinnerung an das ganze Jet-Set-Leben vielleicht lebendiger sei, seien Zeugnisse davon noch überall zu finden. Zweifelsohne existiere das Glamourleben noch, finde aber wohl eher hinter der vorgehaltenen Hand statt. Ein Geheimtipp hätten sie allerdings, schwärmt Andreas: «In den Lounge-Möbeln des Casinos, welches sich eine Handbreite vom Strand befindet, zu zweit je ein Glas Champagner zu geniessen und zugleich den Klängen der Wellen zu lauschen, die kraftvoll und irgendwie entschlossen scheinen, das Ufer mit ihrer Heimkehr beglücken zu wollen!» Das sei eine Wahnsinns-Stimmung und ein Erlebnis der Sonderklasse. Sie könnten mit ihren Aufzählungen auch noch auf die wilde Île d'Oléron oder die Bretagne mit ihrer mystischen Aura abdriften, doch der Platz sei beschränkt.

«"Learning by doing" – ihr habt euch für die Reise einen VW Ocean gekauft. War es eine grosse Herausforderung, den VW startklar zu machen?“, möchte ich wissen. 

«Anfänglich, also noch in der pubertären Phase unseres Einrichtens, schien alles einfach und kein Problem zu sein. Alles Notwendige hat schnell seinen Platz gefunden und es konnte losgehen. Doch auch hier, wie in so vielen Bereichen, gingen Theorie und Praxis nicht wirklich Hand in Hand. So räumten wir dieses nach dahin und jenes verstauten wir neu dorthin. Anderes blieb gänzlich auf der Strecke. Vieles wurde dementsprechend notwendigerweise ausgemustert, denn weniger ist bekanntlich mehr. Erst recht in einem VW Bus, wo die zur Verfügung stehenden Staufläche kaum in Zahlen zu fassen ist. Auch sahen wir uns gezwungen, die Stauflächen durch Zukauf von Taschensets zu erweitern und die Nutzlast durch andere Federsätze mehr als nur zu verdoppeln. Wir kauften bessere Matratzen und eine Auszugsschublade für unsere sechs Habseligkeitsboxen, um nur Einiges zu nennen», erklärt mir Andreas.

Möglicherweise kann sich der/die eine oder andere Leser/in noch an Tetris erinnern? Ein Spiel, wo man unterschiedliche Körper in einer kanalartigen Fläche drehen und wenden musste, bis sie letztendlich in die einzig noch offene Nische passten. So wurde aus ihrem leicht naiv und pubertären Einräumen im Zuge ihres Erwachsenwerdens eine logistische Verstaumeisterschaft, lassen sie mich lachend wissen.

«Was war(en) die grössten Herausforderungen, so mobil zu wohnen/leben?», frage ich gespannt. 

«Für uns war und ist das andauernde Umbauen die grösste Herausforderung. Küche zu Schlafzimmer, Schlafzimmer zu Küche und auf ein Neues. Wenn die Natur, bzw. das Wetter es mit uns gnädig meinte, war alles kein Problem, halt eben, wenn ... Zum anderen waren wir auf die sanitären Einrichtungen der Campingplätze angewiesen, denn im VW Bus hatten wir weder Toilette noch Dusche. So konzentrierte sich unsere Stellplatzwahl auf den Campingplätzen in aller erster Linie auf die Frage, wo sind die sanitären Einrichtungen? Es stellte sich bald die Frage, ob wir uns mit dem Kauf des VW Busses möglicherweise vertan haben. Denn in unserem fortgeschrittenen Alter gibt es Dinge und Umstände, die man erst vermisst, wenn man sie vermisst. Wie eben eine sich in Griffnähe befindliche Toilette», erklären sie mir. Um dieses nächtliche Problem noch auf die Spitze zu treiben, sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass es zum Beispiel in Frankreich und Spanien äusserst schwierig sei, ganzjährig geöffnete Campingplätze zu finden. Ab Ende September sei mehrheitlich Schluss mit lustig.

«Thema Komfort: Gewöhnt man sich an "weniger zu haben“ oder eher schwierig?», frage ich gespannt. 

«Diese Frage kann man sicherlich nicht pauschal beantworten, wir für unseren Teil können dies jedoch ganz klar mit JA beantworten.» Ein Haus zu verkaufen, sei das eine, das andere wie in ihrem, vielleicht nicht alltäglichen Falle, war, dass sie alles verkaufen wollten. Ihr ganzer Hausrat musste raus, da sie ihn nicht mehr länger benötigten. So fand der Abnabelungsprozess und damit die Reduktion auf das Wesentliche in zwei Hausflohmärkten statt. Mit jedem Gegenstand, der ihr Haus und ihren Besitz verlassen hat, spürten sie, wie sie leichter wurden. Jeder Gegenstand fesselte sie bis anhin unbewusst an ihr bisheriges Leben und hielt sie in ihrem selbst gezimmerten Hamsterrad gefangen. Natürlich gab es Dinge, von denen sie sich schwer trennen konnten, doch in ihrem Fall musste diese Selektion radikal von statten gehen. Das Auswahlkriterium sei einfach gewesen. Sie stellten sich lediglich die Frage: «Hattest du diesen Gegenstand im letzten halben Jahr in den Händen oder genutzt – ja oder nein? Wenn die Antwort nein lautete, war der Abschied eine besiegelte Sache», höre ich von beiden ganz pragmatisch.

«Neun Monate stehen noch vor euch, seid ihr so offen, dass ihr auch "den Ort, an welchem es um euch geschehen ist", auserwählen würdet, um wieder Zelte aufzuschlagen?», frage ich Pia und Andreas.

Sie seien nun schon seit rund 13'000 Kilometern mit offenen Augen und Herzen unterwegs und seien fest davon überzeugt, dass es einen solchen Ort gäbe. Und doch beschleiche sie zunehmend ein Zweifel. Denn wenn man zum ersten Mal den Zündschlüssel umgedreht hat und einfach nur noch der Nase folgen darf, dann bekomme alles einen anderen Stellenwert. Es könne deshalb durchaus sein, dass ihr Fahrzeug zu dem Ort wird, an welchem sie sich niederlassen wollen und zwar an vielen unterschiedlichen Orten. «Wie heisst es doch so schön: on verra, sagt der Blinde», klärt mich Andreas auf.

Ich frage weiter: «Was könnt ihr anderen mit auf den Weg geben, die Gleiches vorhaben, sich aber nicht getrauen?»

Sogleich antworten sie mir: «Sich die Frage zu stellen, was einem hindert, es zu tun. Was hält uns hier? Was gibt uns ein Gefühl von Sicherheit, die wir möglicherweise verlieren würden, wenn wir die Reissleine ziehen würden. Letztendlich wird der Mensch, der sich nicht traut einen solch radikalen Schritt auch nicht wagen, da es vielleicht nicht sein soll für ihn, oder aber er macht es schrittweise.» Sie wechseln gleich zur direkten Anrede: «Aber eines solltet ihr auf gar keinen Fall tun: warten bis ... denn eines Tages könnte es tatsächlich zu spät gewesen sein. Und das wäre sehr, sehr schade.»

Für alle, die weiterführende Fragen haben oder Andreas und Pia weiter begleiten wollen: Ihr könnt dies auf allen üblichen sozialen Plattformen und ihrem Reiseblog www.2mavericksontour.ch tun. 

Ich bedanke mich für diese spannenden Infos und kann es kaum erwarten, ihre nächsten Geschichten und Erfahrungen zu hören! Gute Reise, travel safe and sound!