Bis anfangs September zeigt die Fondation Beyeler erstmals eine Schau, in der die Künstler Francis Bacon und Alberto Giacometti im Dialog beleuchtet werden.

Bacon und Giacometti besitzen unlängst ihren festen Platz im Kanon der Kunstgeschichte, dennoch sind sie weniger in unseren Köpfen präsent als andere Künstlerpersönlichkeiten, wie beispielsweise Gauguin, Klee, Monet oder Picasso. Dies vielleicht, weil sie zu jenen gehören, die beständig gegen den Strom geschwommen sind.

Beide begriffen sich unisono als «Realisten». Dies bedeutet jedoch in keinerlei Weise, dass sie eine mimetische, naturgetreue, gar abbildende Formensprache der Wirklichkeit in ihren Arbeiten veranschaulichen wollten. Eine weitere Gemeinsamkeit des künstlerischen Diskurses Bacons und Giacometti bildet das zentrale motivische Thema der Figur des Menschen. Wandten sich zahlreiche Künstlergrössen der ausgehenden Moderne von der figurativen Darstellung zugunsten der Abstraktion ab, verfolgten beide kompromisslos Darstellungsformen der menschlichen Gestalt bis hin zur Auflösung des scheinbaren Gegensatzes zwischen Abstraktion und Figuration. Bacon und Giacometti ging es dabei weniger um eine Darstellung äusserlicher Erscheinungsweisen einer Figur, als vielmehr um die Darstellung innerer Lebenswelten des Menschseins. Brüche, Risse, Zwiespalt, Zweifel, Unvermögen, die Brüchigkeit der Psyche – eben all jene Momente, die das Leben eines jeden mitbestimmen, rücken vehement ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Und nichtsdestotrotz, Bacon und Giacometti erscheinen einem beim Eintreten der Sonderausstellung doch als grundsätzlich verschieden. Der eine erschafft vorwiegend Skulpturen in Grau- und Erdtönen, seine Arbeiten vermitteln eine gewisse Ruhe. Der andere dahingegen präsentiert seine Figuren auf Leinwänden in leuchtenden Farben. Eine gewagte erstmalige Gegenüberstellung? Taucht man nach einigen Räumen der rund 100 Werke umfassenden Ausstellung in den Dialog der beiden ein, so wird die gegenseitige Bewunderung, die beide füreinander empfanden, unvermittelt gewahr. Beide hatten ähnliche Fragestellungen, begingen ähnliche Suchbewegungen, aber eben jeder auf seine ganz eigene Weise. Ein zentrales Moment bildet das die Struktur des Käfigs. Während Giacometti dieses Konzept physisch in seinen Skulpturen zur Geltung bringt, konstruiert Bacon sie dahingegen malerisch. Ein weiteres Mal wird einem als Besucher augenblicklich klar, hier stehen die Widersprüchlichkeiten der menschlichen Existenz zur Disposition. Dieses Chaos – konträr zur Linearität und zur Strukturiertheit – wird bereits beim eingangs präsentierten Informationsraum veranschaulicht. In zwei Multimediaprojektionen in Echtgrösse wurden die beiden Studios nachgebildet, und zeigen auf eindrückliche Weise, wie die zwei Künstler jeweils ihre Werke auf kleinstem Raum schufen.

Beim Verlassen der Ausstellungen haben sich viele Arbeiten nachhaltig in meinem Gedächtnis gefestigt und tauchen immer wieder vor meinem innerlichen Auge auf. Es ist nicht ganz einfach sich der Brüchigkeit und der Infragestellung der menschlichen Psyche hinzugeben, und dennoch zeugen diese von einer Ehrlichkeit und einer Enttabuisierung scheinbar festgeschriebener Ansichten unserer Zeit. Das Scheitern wird hiermit zu einem konstruktiven Moment, es ermöglicht ein anderes Denken und auch die Toleranz anderer Lebenskonzepte und gibt uns scheinbar festgefahrene Lebenswege neu zu denken. Und damit entsteht etwas ganz Besonderes: nicht nur der Dialog zwischen den beiden Künstlern wird erlebbar. Als Besucher kann man sich an diesem Gespräch beteiligen, erhält so vielleicht die eine oder andere Antwort auf unlängst präsente Frage oder beginnt allererst vermeintliche Gegebenheiten anders zu beleuchten.

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