Stumbling Duck
Instagram
Basel

Eine Ente auf Stolpermarsch

Veröffentlicht am Sonntag, 06. Januar 2019 von Valérie Ziegler.

Basel als Fototapete: Jan Sulzer hält seine Begegnungen auf unseren Strassen auf Instagram fest. Ein Schwatz mit dem Basler Fotografen und Filmemacher.

Jan, wie bist du zur Fotografie gekommen?
Als Jugendlicher durfte ich die Spiegelreflexkamera meines Vaters für ein Wochenende in Budapest ausleihen: Auf meinen ersten Bildern sieht man Raben an der nebligen Donau. Später habe ich das Teenie-Hobby zum Beruf gemacht und Film und Fotografie studiert. Bis heute fasziniert mich insbesondere die Möglichkeit, die Welt aus einem selbstbestimmten Blickwinkel erfassen zu können und vermeintlich festzuhalten. Fotografie ist für mich immer eine Art Magie geblieben. Insbesondere beim Fotografieren von Menschen halte ich einen Moment der Intimität fest – flüchtig, aber einzigartig. 

Was hat dich dazu bewogen, den Instagram Account stumblingduck ins Leben zu rufen und wie gehst du konkret vor?
Der öffentliche Raum interessiert mich schon lange. Man begegnet dort allen möglichen Menschen, die zusammen unsere Gesellschaft formen.
Meine Porträts entstehen spontan, an Ort und Stelle. Die Stadt wird quasi zur Fototapete. Die Porträtierten waren also nicht darauf vorbereitet, fotografiert zu werden. Allesamt unterbrechen sie ihren Weg, um kurz innezuhalten und sich der Kamera zu öffnen. 
Manchmal spaziere ich viele Kilometer durch die Basler Strassen, bevor ich ein Foto mache, manchmal kommt gar niemand vor die Linse. Wen ich auswähle, entscheide ich intuitiv. Meine eigene Stimmung ist da ausschlaggebend: Bin ich schlecht gelaunt, sieht man das auch auf dem Bild. 

Und wieso der Name?
Ich fühle mich selbst wie eine Ente, die etwas ungeschickt durchs Leben stolpert.

Was für eine Rolle hat Instagram für dich als professionellen Fotografen?
Instagram ist eine Plattform, bei der das Bild wichtiger ist als der Text, eine super Austauschmöglichkeit unter Fotografen auf der ganzen Welt. Ich sehe Instagram als einen für alle zugänglichen Ort, eine Art Erweiterung des öffentlichen Raums.

Welche drei Dinge faszinieren dich am meisten auf den Basler Strassen?
1. Basel ist für eine Deutschschweizer Stadt unerwartet offen. Man kommt einfach mit Menschen ins Gespräch, viele stehen meinem Projekt positiv gegenüber, was es für mich einfacher macht. Und der Basler Humor ist unverwechselbar! 
2. Basel ist sehr divers, man begegnet den unterschiedlichsten Menschen aus allen möglichen Kontexten. So wird es auf den Strassen nie langweilig. Diese Diversität scheint in Basel selbstverständlich, das finde ich sympathisch. 
3. Basel hat sehr spezifische Quartiere, alle sehr eigen. Im Gundeli zu fotografieren, ist definitiv nicht dasselbe wie im Gellert. Doch trotz aller Eigenheit, eins haben sie alle gemein: Ihre jeweiligen Bewohner erzählen mir allesamt, ihr Quartier sei das Allerbeste. 

Was war das Krasseste, das du auf Basler Strassen erlebt hast?
Einmal hat mir einer meine Kamera fast entrissen, wir haben richtiggehend um sie gerangelt. Meine Frage, ihn zu fotografieren, hat ihn offenbar ziemlich erzürnt. Ansonsten verlaufen die Begegnungen meist friedlich. Am meisten bezaubern mich die mir beiläufig erzählten kleinen, unaufgeregten Details aus den Leben der Fotografierten. Die Frau, die seit Jahrzehnten jeden Abend auf dem gleichen Bänkli sitzt, weil sie es den schönsten Ort der Welt findet, oder die feine Liebesgeschichte, die sich zwischen Basel und Madrid abspielt ...

Was machen wir auf Basler Strassen besser als andere in anderen Städten?
Die Möglichkeiten für Begegnung in Basel sind vielseitig. Der öffentliche Raum ist nicht nur einladend, sondern wird auch viel Wert darauf gelegt. Das merkt man daran, dass stets viele Leute unterwegs sind, auch in den schönen Parks und auf den zahlreichen Strassenbänggli – was mir beim Fotografieren natürlich sehr entgegenkommt. 

Was könnten wir Bebbis besser machen?
Die Verkehrsführung dürfte ruhig etwas übersichtlicher sein. An manchen Stellen wird es für Fussgänger eng und anstrengend.

Wäre Basel ein Modestil, wie würdest du ihn beschreiben?
Einmal quer durch d'Brocki, wo auch noch ein paar glitzernde Haute-Couture Abendkleider hängen. 

Wer reagiert positiver auf dein Projekt: Locals oder Touris?
Die Locals reagieren meist erstaunt-interessiert, mit einer guten Portion schweizerischer Skepsis. Die Touris sind oft gut gelaunt, schliesslich sind sie in den Ferien, um Basel zu geniessen, und selbst zu fotografieren. Instagram ist bei den Touristen sicherlich bekannter und sogar eine Motivation, sich von mir fotografieren zu lassen. Die Schweizerinnen und Schweizer begegnen sozialen Medien grundsätzlich vorsichtiger und stellen viele Fragen. 

An welchen Projekten arbeitest du derzeit sonst noch?
Ich schreibe an einem Drehbuch für eine multikulturelle Liebeskomödie. Zudem arbeite ich in der Serien-Entwicklung fürs Schweizer Fernsehen. Und natürlich gehe ich fast täglich in Basel fotografieren. Ich träume nämlich davon, dass die Bilder mal als gesammelte Serie in Form eines Buches erscheinen.

Wo gehst du am liebsten spazieren, inklusive Zwischenstopps?
Ganz klar: am Rhein, auf der Kleinbasler Seite. Und über die Dreirosenbrücke. Auch liebe ich es, durch mein Wohnquartier zu flanieren – das herb-charmante Gundeli. Dort gönne ich mir im Café del Mundo gerne ein Gipfeli, im wunderbaren spark eine portugiesische Süssigkeit, oder, wenn sich der grosse Hunger bemerkbar macht, ein Cordon-Bleu in der Wanderruh.

Mehr zu Jan Sulzer
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Bilder: Jan Sulzer