Interview
Samuel Morris
Film
Regie

«Um die Kreativen mache ich mir am wenigsten Sorgen»

Veröffentlicht am Donnerstag, 13. Mai 2021 von Valérie Ziegler.

Mit 17 Jahren hat er seinen ersten Filmpreis gewonnen. 10 Jahre später wird sein neuestes Werk, Desert Dogs, am diesjährigen Tribeca Film Festival in New York gezeigt: Im Interview spricht der Basler Filmregisseur Samuel Morris über die Pein von Sexszenen, seine Faszination für Mütter und wieso er froh ist, als kreativer Mensch geboren zu sein.

Wow, mein erstes Interview mal wieder sitzend in einem Café. Auf welcher Terrasse hast du erstmals Platz genommen nach dem Shutdown?

Auf meiner eigenen. (lacht) Ich bin nämlich gerade in eine neue Wohnung gezogen. Ansonsten ist es heute hier im frühling ebenfalls mein erstes Mal – obwohl, am Mittag war ich noch in der Markthalle zum Lunch.


Kannst du dich noch an den ersten Film erinnern, den du gesehen hast?

Schwierige Frage … Mein Vater war, und ist auch heute noch, ein riesen Fan von amerikanischen Western. In unseren Ferien in Italien haben wir immer viele Western-Filme geschaut. Teilweise auch richtig schlechte, muss ich im Nachhinein sagen.

Auch mein älterer Bruder stand schon immer auf Kampf-Filme. Überhaupt konnte er sich früher enorm gut von Filmen begeistern lassen; wir beide wollten danach häufig das tun, worum es im Film ging: Football oder Baseball spielen; Karate oder Skaten zum Beispiel. Ich habe meinem Bruder früher Vieles nachgemacht. (lacht)

Und ehrlich gesagt wird mir erst jetzt richtig bewusst, dass ich meine Faszination für den Film auch durch meinen Bruder gefunden habe. Wir haben diese Kampfszenen nach dem Filmschauen nämlich oft nachgedreht. (lacht)


Wie kam’s, dass du dann plötzlich richtige Filme machen wolltest?

Meine Familie hat mich definitiv geprägt. Mein Vater hat früher selbst Filme gemacht. Ich war zuhause ständig umgeben vom Thema Film. Bei uns galt immer die Devise: Wer Regisseur ist, hat es geschafft. Wie in anderen Haushalten vielleicht ein Musikstar oder Schauspieler.

Ich träumte also nicht etwa davon, Superman oder Batman zu sein, sondern Regisseur.

Als Kind habe ich jedoch – abgesehen von den Kampf-Filmen mit meinem Bruder – noch nicht aktiv Filme gemacht. Bis ich im Alter von 17 Jahren als langjähriger Skater mit Skater-Filmen begonnen habe. Damit nahm alles seinen Anfang.



Was passierte nach dem ersten Skater-Film?

Mit dem Film 14 habe ich 2011 den Basler Filmpreis gewonnen. Das kam nicht überall gut an; ein 17-Jähriger, der quasi aus dem Nichts auftauchte.

Doch auch wenn es kein Meisterwerk war: Meine Freude über diesen Preis konnte bis heute nicht getoppt werden. Nach dem Gewinn konnte ich für eine lange Zeit an nichts anderes mehr denken. Der Funke war somit definitiv übergesprungen!

So kam es, dass ich von dem Moment an als selbständiger Filmer unterwegs war. Plötzlich bekam ich Aufträge – hauptsächlich im Werbebereich. 2017 hat SRF einen Regie-Job für eine neue Serie ausgeschrieben. Auch wenn mich die Motivation damals gerade verlassen hatte und ich kurz vor einer Auszeit im Ausland stand, habe ich mich beworben.

Diesem Job habe ich enorm viel zu verdanken; dank dem SRF durfte ich schweizweit als Filmemacher Fuss fassen.

Mein neuster Film, Desert Dogs, wird dieses Jahr sogar am New Yorker Tribeca Film Festival gezeigt. Das ist eine riesen Ehre!


Welcher Film hat dich am meisten bewegt und wieso?

Heieieieiei! Mega schwierig, nur einen Film rauszupicken. Auf jeden Fall kein Western! (lacht)

Es passiert relativ oft, dass mich ein Film fesselt und mich inspiriert. Ich muss aber sagen, dass ich jetzt nicht die ganze Zeit am Filmeschauen bin. Du bist wahrscheinlich auch nicht ständig am Lesen, oder? (lacht)

Intimität ist mir sehr wichtig im Film. Einer, der mich diesbezüglich extrem inspiriert, ist Pedro Almodóvar. Wie ich, arbeitet auch er mit alltäglichen Situationen; sucht sich beispielsweise eine schwierige Gegebenheit aus, schafft eine neue Sicht darauf und nimmt ihr somit was von der Schwere ab. Ein grosser Fan bin ich auch von Paolo Sorrentino. Ein Meister darin, einen normal scheinenden Moment soooo lange zu stretchen, bis schliesslich was völlig Neues daraus entsteht. La Grande Belezza hat mich total von den Socken gehauen!


Was für Geschichten möchtest du mit deinen Filmen erzählen?

Geschichten und Momente aus dem Leben. Mir geht es um Menschen und Beziehungen zwischen ihnen.

Ein Film hat die Kraft, einen einzigen Moment zu thematisieren, diesen in die Länge zu ziehen; ihn zu verkürzen, zu dramatisieren oder zu entdramatisieren. Ich liebe es, dem Zuschauer jeweils eine neue Perspektive zu eröffnen; ihm etwas Neues aufzuzeigen, das sie oder er vorher vielleicht noch gar nicht kannte.

Schaut man sich beispielsweise die Protagonisten von Desert Dogs an, könnte man annehmen, die würden den ganzen Tag nichts tun, ausser zu kiffen. Mit meinem Film möchte ich aufzeigen, was für einen enormen Stellenwert das Skaten in ihrem Leben hat. Skaten ist eine Sprache, die überall auf der Welt verstanden wird.

Die spezifischen Momente in meinen Filmen werden stets aus der Perspektive einer bestimmten Person beleuchtet. Denn das ist für mich das Leben: Du lebst in den Tag hinein, bis dir plötzlich ein Moment, eine Situation oder ein Gedanke so dermassen einfährt, dass du danach tagelang daran rumstudierst.


Wie sieht dein Traumfilm aus?

Aktuell bin ich an einem Film dran, dessen Thematik mich schon seit geraumer Zeit fesselt: die Rolle einer Mutter. Meiner Meinung nach gibt es nichts Stärkeres auf dieser Welt als die Beziehung zwischen Mutter und Kind.

In meinem nächsten Film wird es also definitiv um eine Mutter gehen. Denn Mütter werden in unserer Gesellschaft viel zu wenig beleuchtet. Oft geht es doch um Männer, Erfahrung und Erfolg im Job. Doch wer beleuchtet eine erfolgreiche Mutter? Sagt man das überhaupt: Ich war eine erfolgreiche Mutter? Es gibt so viele von ihnen. Wo bleiben die Nobelpreise für sie?



Was hast du für eine Beziehung zu deiner eigenen Mutter?

Ich könnte keine bessere Mutter haben! Die Beziehung zu ihr ist sehr stark. Gemeinsam mit meinem Vater hat sie mich und meine zwei Geschwister grossgezogen, war und ist immer für uns da. Die meiste Zeit ihres Lebens hat sie uns geschenkt. Davor habe ich riesen Respekt.


Inspiration findest du also hauptsächlich im Alltag?

Genau. Die Gefahr liegt eher darin, die Inspiration, die Lust oder den Drive zeitweise zu verlieren. Wer Filme macht, braucht enorm viel Durchhaltevermögen.


Was bedeutet dir Basel?

Letztes Jahr habe ich für eine kurze Zeit in Berlin gelebt. Auch wenn es mich schon immer aus meinem Heimatdorf Pfeffingen gezogen hat, habe ich auch in Deutschland schnell gemerkt, dass Basel meine Heimat ist und dass ich die Rheinstadt vermisse, wenn ich nicht da bin. Basel ist für mich wie ein Stein, auf den ich mich hinhocken kann, wenn es ungemütlich wird. Meine Familie und all meine Freunde sind hier. In Basel findet man alles, was man braucht, aber nie zu viel davon. Ein unaufgeregter Ort – das schätze ich sehr.

In meinen Filmen kommt Basel als Ort übrigens nie vor, jedoch habe ich schon sehr oft hier gedreht. Die Stadt ist enorm wandelbar und voller Ecken, die überall auf der Welt sein könnten!


Wann bist du zum letzten Mal dem Trash-TV verfallen?

Ich schaue viele Kochshows, aber das ist nicht wirklich peinlich, oder? Früher habe ich ab und zu Shopping Queen geschaut. (lacht) Und Germany’s Next Topmodel – echt super Unterhaltung! Zugegeben, Trash-TV, aber mega gut gemacht. (lacht)



Gibt es Charaktereigenschaften, die dir bei deinem Schaffen teilweise in die Quere kommen?

Ich bin sehr impulsiv und begeisterungsfähig. Wenn ich etwas toll finde, gibt es nichts Anderes mehr. Das kann sich auch negativ auswirken. So habe ich teilweise Mühe, wieder aus Gedanken rauszukommen; bin zu verbissen und steigere mich in etwas rein. Ich arbeite derzeit aktiv daran, von meinem Perfektionismus loszukommen. Sonst laufe ich Gefahr, mich zu überarbeiten. Zum Glück gibt es zudem Deadlines. (lacht)


Welcher Moment hinter der Kamera hat dir bisher am meisten Eindruck gemacht?

Ich bin ein grosser Fan von Dokumentarfilmen. Auch wenn ich mittlerweile auch Fiktionales mache, bleiben Doks spannend für mich. Beim Dreh gibt es nämlich immer diesen einen besonderen Moment – zumindest im Idealfall. Dann, wenn du merkst, dass dir dein Gegenüber nun vertraut. Darauf vertraut, dass du keinen Blödsinn mit seinen Informationen anstellst. Diesen Moment zu erreichen, ist was sehr Intimes.

Das Gleiche gilt für Schauspielende, welche sich häufig am Regisseur, beziehungsweise an seinem Ausdruck, orientieren. Ich bin sozusagen ihr Spiegel, der ihnen sagt, wie ihr Auftritt gerade war. Und dieses Feedback muss ehrlich sein. Denn wenn’s das nicht ist, zerfällt das ganze Konstrukt.

Beim Dreh von Desert Dogs in Marokko war es zum Beispiel so, dass uns die Mutter eines Skaters ausdrücklich verboten hat, sie zu filmen. Einen Tag später erklärte sie sich damit einverstanden, sie von hinten zu zeigen. Am Tag danach zeigte sie uns sogar ihr Gesicht.


Gab es auch einen besonders peinlichen oder unangenehmen Moment?

Unglaublich viele sogar. Die Sex-Szenen für die SRF-Serie Nummer 47 gehörten sicher zu den grössten Herausforderungen.

Sex im Film ist auch für mich hinter der Kamera peinlich. Aber nur dann, wenn ich es mir vorstelle. Sobald ich aber am drehen bin, handelt es sich um eine rein technische Angelegenheit. 



Wie holst du dich selbst immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück?

Was ich mir immer wieder selbst sagen muss: Nimm das Leben doch nicht zu ernst! Oft ist man doch einfach nur gefangen in seinem eigenen Alltag: ein Autofahrer, der nervt; die gleiche Person, die jeden Tag die Einfahrt versperrt. Man regt sich über Dinge auf, die’s gar nicht wert sind. Auch bei der Arbeit muss ich mir immer wieder in Erinnerung rufen: Hey, es ist bloss ein Film! Oder nur eine Werbung!


Kürzlich habe ich mir zudem überlegt, was eine kreative Person auszeichnet. Scheinbar sollen sie während der Corona-Krise ja besonders leiden. Doch ist eine kreative Person ursprünglich nicht jemand, die weiss, wie man ohne die nötigen Mittel oder aus etwas bisher nicht Existierendem was Neues schafft? Sei’s zum Beispiel ein Häuschen am Strand einer isolierten Insel. Eine kreative Person weiss doch immer irgendwie, sich zurechtzufinden. Selbst wenn nur wenige Mittel verfügbar sind. Deshalb wird sie meiner Meinung nach auch kaum scheitern. Und deshalb mache ich mir um die Kreativen ehrlich gesagt am wenigsten Sorgen.

Doch oft vergessen wir, worauf es wirklich ankommt. Weil wir uns beispielsweise gesellschaftlichen Normen ausliefern, die grundlos Druck auf uns ausüben.

Was aber machen Leute heute, die ihr Leben lang den gleichen Job ausgeführt, diesen nun aber aufgrund von Covid verloren haben? Das ist brutal!


Wenn du einen Film über Basel drehen würdest, wie sähe das Drehbuch aus?

Es müsste auf jeden Fall ein moderner Film sein. Und die Fasnacht müsste drin vorkommen. Ich finde die Fasnacht unglaublich spannend. Sie erlaubt jung und alt, während drei Tagen die Sau rauszulassen. An den anderen 362 Tagen trauen sich das doch die Wenigsten.


Dein Lieblingsort in Basel?

Am liebsten bin ich auf dem Land. Ich mag die Natur, die Weite – wie man sie beispielsweise in Pfeffingen antrifft. Den Häusern, aber vor allem auch der Natur, Platz zu lassen, empfinde ich als enorm modern. Ein Ballungsgebiet hingegen fast schon als menschenfeindlich.

Wenn ich Bekannte aus dem Ausland zu Besuch habe, zeige ich ihnen gerne das Beyeler Museum. Auch mag ich den Wettsteinplatz und die Birs sehr gerne. Und mit meinem Velo fahre ich immer wieder mal auf den Gempen.

Ich muss regelmässig raus aus der Stadt, um neue Perspektiven zu gewinnen.


Und wo bist du am glücklichsten?

In Pfeffingen. Aber auch in Italien fühle ich mich sehr wohl. Gerne hätte ich mal ein Häuschen dort.

Überhaupt: Sollte ich mal viel zu viel Geld haben, würde ich mir in den Alpen ein kleines Chalet kaufen, in Italien ein Landhäuschen und in Basel eine schöne Wohnung. (lacht)



Einblicke in das Schaffen von Samuel Morris kriegst du auf seiner Webseite.