Abgefahrene Kunst-Experimente entdecken
videocity.bs
Globus Basel

Wenn Kunst in den Alltag eingreift

Veröffentlicht am Donnerstag, 06. Juni 2019.

Verblüffende Videokunst-Projekte mitten in Basel. So experimentiert videocity.bs auch mit dem Schaufenster vom Globus - noch bis Ende Juni.

Welchen Einfluss haben das quirlige Treiben der Innenstadt und der dichte Verkehr auf die Wahrnehmung autonomer Kunstwerke? Welches Potential bieten die Grösse des eBoard Congress Center Basel, das Rondell der City Lounge mit Himmelsblick, gebaut von Herzog & de Meuron an der Neuen Messe, oder die Schaufenster des GLOBUS Basel in der Basler Innenstadt? videocity.bs experimentiert mit diesen Fragen. Dieses Projekt spielt mit dem Transfer von Kunst ins Leben und von Leben in Kunst und möchte aufzeigen, wie sich beide gegenseitig beeinflussen. Der Einfluss des Alltags auf die Interpretation von Kunst wird durch die Besonderheiten und Eigenschaften der Standorte deutlich.


videocity.bs-Schaufenster im GLOBUS Basel
videocity.bs-Schaufenster im GLOBUS Basel (© livingpool-photography)


Die Videos wurden in Bezug zum Präsentationsstandort von den Kuratorinnen Andrea Domesle und Sophie Kauffenstein ausgewählt. Die Kunstwerke kommentieren den Alltag und ermöglichen einen anderen Blick auf diesen. Deutlich wird dies insbesondere im videocity.bs-Schaufenster des GLOBUS Basel von Sylvie Boisseau & Frank Westermeyer. Sie reagieren mit ihrer Gestaltung darauf, wie das Thema Produkte-Begehren dargestellt wird und welches Verhältnis wir zu den Produkten einnehmen. GLOBUS Basel hat eine eigene Dekorationsabteilung. Die grosszügigen Schaufenster spielen seit den Anfängen des Unternehmens, seit dem Jahr 1892, eine wichtige Rolle. Das Künstlerduo konfrontiert die Passanten vor dem Warenhaus mit dem «Unboxing»-Phänomen, das im Internet verbreitet ist. In diesen Amateurfilmen präsentieren sich Selbstdarsteller dabei, wie sie etwas auspacken. «Götter und Geister» ist der Titel der Found Footage-Montage aus «Unboxing»-Filmen, die im Schaufenster vom GLOBUS Basel zu sehen ist.


«Götter und Geister» von Sylvie Boisseau & Frank Westermeyer, 2019
«Götter und Geister» von Sylvie Boisseau & Frank Westermeyer, 2019 (© Sylvie Boisseau & Frank Westermeyer)


Sylvie Boisseau & Frank Westermeyer gelangen zu einer Erklärung: Sie fokussieren auf die Hände der Unboxer, welche die Verpackungen betasten, streicheln, drücken oder an einzelnen Stellen immer wieder abklopfen. Hantiert wird auch mit Messern, um zu schlitzen bzw. um Hüllen vorsichtig aufzustechen. Das Künstlerduo macht so deutlich, dass das Auspacken mit Gefühlen aufgeladen und mit Verführung verbunden wird. Ware wird von den Unboxern wie in einem Ritual beschworen. Die Unboxer bauen eine persönliche Beziehung zum Produkt auf. Es ist eine Beziehung, die verschiedener Art ist – liebend, begehrend, erotisch, verehrend; muss als eine authentische aufgefasst werden.


«Götter und Geister» von Sylvie Boisseau & Frank Westermeyer, 2019
«Götter und Geister» von Sylvie Boisseau & Frank Westermeyer, 2019 (© Sylvie Boisseau & Frank Westermeyer)


Sylvie Boisseau & Frank Westermeyer übertragen den Inszenierungsstil der Unboxer auf ihr videocity.bs-Schaufenster im GLOBUS Basel. Neben ihrem Video sind verschieden hohe Sockel positioniert. Spots beleuchten hier eine Leere, wo in den Schaufenstern daneben neueste Verkaufsobjekte stehen. Die Künstler zitieren den Widerspruch des rituellen Auspackens: Das Produkt ist zwar noch unsichtbar, seine verführerische Wirkung scheint sich aber schon entfaltet zu haben.


Zum videocity.bs-Experiment gehört, dass der Sound der Strasse die Tonspur bildet, oder eine allfällige ersetzt. Zufälle des Alltags – bestehend aus Geräuschen und Spiegelungen – greifen in die Kompositionen ein. Die Videos erscheinen in der Basler Öffentlichkeit in neuem Licht – was siehst du darin?


Was: videocity.bs

Wo: Bis am 26. Juni ist das von Sylvie Boisseau & Frank Westermeyer gestaltete videocity.bs-Schaufenster des Globus am Marktplatz 2 zu sehen, täglich von 8 bis 24 Uhr.

videocitybs.ch/



Die weiteren Standorte der videocity.bs-Experimente:

28.05. – 11.08. täglich von 8 bis 24 Uhr werden 8 Videos von Sylvie Boisseau & Frank Westermeyer, Gregory Buchert, Dimension émotionnelle, Paul Heintz, Luzia Hürzeler, Frantiček Klossner, Theres Liechti, Elodie Pong zwischen Infos des eBoard Congress Center Basel, Messeplatz 21 beim Swissôtel Le Plaza gezeigt. Es kann im Juni zu längeren Sendepausen kommen.


28.05. – 11.08. Montag bis Freitag von 10 bis 13 Uhr sind die Videos in der Mediathek der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW, 8. OG, Freilager-Platz 1 zu sehen. Hier lässt sich der Unterschied zur Präsentation im öffentlichen Raum studieren. Dazu gibt es viele Bücher. (Achtung: geschlossen vom 30.05 – 02.06).


27.06. – 11.08. ortspezifische Neuproduktion von Sebastian Mundwiler an den Medienfassaden der City Lounge, Hall Nord und Süd, Neue Messe, Messeplatz.


«Superwoman», 2017
«Superwoman», 2017 (© Theres Liechti)