Auf dem Wolf gibt es seit 20 Jahren eine der schönsten und grössten Brockis der Stadt. Im Gespräch erzählt Geschäftsführerin Sabine Reusser von menschlichen Abgründen und von ihrer spärlich dekorierten Wohnung.

Ein Kronleuchter aus den 1920er-Jahren, ein 50er-Jahre Küchenbuffet, ein Jura-Toaster aus den 60ern oder ein Frisurenheft aus den 80ern – in der Brocki auf dem Wolf sammelt sich Geschichte an. Und mit ihr eine unvorstellbare Dimension an Leben. Welche Romanzen sich wohl auf den hier stehenden Sofas, welche Dramen sich unter den Lampen zugetragen haben? Wer hat schon alles von dem Geschirr gegessen, in den Zeitungen und Magazinen geblättert? Welche Gespräche wurden an den Esstischen geführt, welche Entscheide gefällt? In welchen Mänteln war Glück zuhause, in welchen Schuhen steckte das Elend? «Ich bin ganz froh, dass ich das nicht alles weiss», schmunzelt Sabine Reusser, Geschäftsführerin der Brocki auf dem Wolf.

Die Brocki gehört zur Wilfried Heiber GmbH, die Räumungen durchführt, Lagerplatz zur Verfügung stellt und Wohnungen reinigt. Auch solche, in denen Menschen gestorben sind, allenfalls sogar durch Mord. «Einer unserer Kunden sitzt seit langem in lebenslanger Haft. Dennoch bezahlt er monatlich seinen Lagerraum bei uns. Da stehen noch sein Röhrenfernseher und weitere Relikte aus seinem alten Leben», erzählt Sabine. Ihr, ihrem Geschäftspartner Christoph Zehnder und den rund 30 Angestellten des Unternehmens sind kaum menschliche Abgründe fremd. Man erlebt viel, wenn man zwischen Kleinhüningen und dem Bruderholz in die Wohnungen der Menschen schaut, ihre Schubladen ausräumt und ihre Schränke. 

Müll, Design oder Sammlerstück?
«Wir bekommen pro Tag zwei Räumungen rein – das muss alles sortiert werden, der Müll getrennt – ein Wahnsinnsaufwand», so Sabine. In einer riesigen Lagerhalle kommen die Lastwagen an, laden die Ware ab. Was nicht entsorgt wird, kommt nach Rumänien, ein kleiner Teil geht in den Laden, in den Online-Shop oder auch mal ins Auktionshaus. Was im Laden gerade keinen Platz findet, steht im Lager im ersten Stock. Wer nach einem speziellen Teil sucht, sollte daher unbedingt beim Personal nachfragen; der Fundus auf dem Wolf ist schier grenzenlos und verändert sich laufend.

Neulich sagte mir eine Freundin, bei mir daheim sehe es so unpersönlich aus wie in einer Airbnb-Wohnung. Aber ich habe ja den ganzen Tag diese erdrückende Fülle um mich. Am Abend brauche ich Ruhe, Leere.
Sabine Reusser

Überhaupt ist der Ort ein Paradies für Sachensuchende und Liebhaberinnen kurioser Dinge. Brandgefährlich für Menschen wie mich. Und für Sabine? «Ich gehe nicht in Brockis», schmunzelt sie. «Neulich sagte mir eine Freundin, bei mir daheim sehe es so unpersönlich aus wie in einer Airbnb-Wohnung. Aber ich habe ja den ganzen Tag diese erdrückende Fülle um mich. Am Abend brauche ich Ruhe, Leere.» Hinzu kommt ein weiter Aspekt: Wer täglich mit Räumungen zu tun hat, hinterfragt seinen Besitz. «Am Ende kommt der Lastwagen und die 2000 gesammelten Eulen landen verstaubt bei uns», bringt es Sabine auf den Punkt.

Sie hat einst als junge Schreinerin mit Restaurationen auf dem Wolf begonnen. Aus dem wenig lukrativen Geschäft hat sich die Brocki entwickelt. Seit nunmehr 20 Jahren setzt sie mit ihrem Team hier Dinge, die einst in fremden Wohnungen standen, auf 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche charmant in Szene. Positioniert sie vor grünen, orangen oder auch mal pinken Wänden. Ordnet sie nach Alter, Thema, Stilrichtung, Farbe oder einfach nach persönlichem Geschmack. «Wir stehen den ganzen Tag in der Brocki und wollen darum, dass das hier ein schöner Ort ist», so Sabine. In der Tat ist die Brocki auf dem Wolf eine besonders schöne Fundgrube. Auch ein Inbegriff für nachhaltigen Konsum. Sie zeigt aber auch: Wir alle besitzen von allem zu viel.