Es ist die Geschichte einer grossen Liebe, einer kühnen Idee, einer langen Reise und einer Familie, die gemeinsam dafür kämpft, Wurzeln in der neuen Heimat zu schlagen. Mit sizilianischen Spezialitäten und italienischen Caffè. Willkommen im Da Graziella.

Es klappert und zischt, klopft und piept, Stühle werden verschoben, angeregtes Plaudern aus allen Ecken. Hin und wieder italienische Wortfetzen, Schäkern und Lachen – man kennt sich. Laufend geht die Türe auf und zu, Kundinnen und Kunden bestellen Espresso oder Caffé Latte to go, dazu ein Cornetto Mandorla oder ein Fagottino, eine Sfogliatella Napoletana oder auch mal nur Amaretti. Es herrscht friedliche Betriebsamkeit im Da Graziella, der kleinen sizilianischen Enklave an der Feldbergstrasse. 

Am Tisch sitzt Carmela Petitjean-Guglielmino, einer der Töchter von Graziella, die Ende der 1970er Jahre mit ihrem Mann Sebastiano von Sizilien in die Schweiz emigrierte. «Die beiden hofften auf eine bessere Zukunft», erzählt sie. Aber der Preis dafür war hoch. Gastarbeiter durften ihre Familien damals nicht mitnehmen und so kam der Vater allein nach Basel, die vier Kinder, alle zwischen sechs und neun Jahre alt, blieben in einem Internat an der Grenze zum Tessin. «Es war nicht immer einfach», erinnert sich Carmela. «Aber uns war immer klar; meine Eltern hatten keine andere Wahl. Sie haben das alles für uns getan.»

«In Basel gab es damals noch keine Pasticceria und es trank auch niemand Latte Macchiato!»
Carmela Petitjean-Guglielmino

Vom Gastarbeiter zum Unternehmer
Als nach vier Jahren die Niederlassungsbewilligung erteilt wurde, konnte die Familie Guglielmino in Basel zusammenleben. Und obwohl die Eltern von Carmela bereits in Sizilien eine kleine Pasticceria betrieben, war es ein Zufall, der zum Da Graziella führte – eine vom Vater gebackene Geburtstagstorte, die dermassen gut ankam, dass er ab da laufend Bestellungen bekam und merkte: Da ist eine Nische. «In Basel gab es damals noch keine Pasticceria und es trank auch niemand Latte Macchiato», lacht Carmela.

1985 eröffnete das erste Da Graziella an der Feldbergstrasse. Mamma Graziella stand täglich hinter der Theke. «Ohne je ein Wort Deutsch zu sprechen», erinnert sich Carmela. 2002 übernahmen die Kinder das Geschäft. Carmelas Brüder Francesco und Martino sowie die Schwester Maria arbeiteten seit jeher mit den Eltern in der Backstube und im Verkauf. Martino war zudem mehrere Jahre im Ausland als Pâtissier tätig, bevor er zurückkehrte, um 2001 gemeinsam mit seinen Geschwistern das Unternehmen von den Eltern zu übernehmen. Carmela selbst hatte eine Banklehre gemacht und kümmert sich heute um die gesamte Administration. Seit die Kinder das Laden schmeissen, ist viel passiert. Vier Da Graziella Filialen mit rund 50 Mitarbeitenden sind heute über ganz Basel verteilt. So wie sie bereits als Kinder in jeder freien Minute zuhause mitgearbeitet und Cannoli-Teig gedreht haben, so dreht sich auch heute noch alles ums Da Graziella. «Wir sind alle enorm tüchtig», schmunzelt Carmela. «Darum, und auch weil wir vier Geschwister seit jeher ein sehr enges Verhältnis haben, war mir von Anfang an klar, dass unser Konzept funktioniert.»

«Alles wird in unserer Backstube in Allschwil produziert nach den alten Rezepten unserer Familie.»

Pistazien aus Bronte, Honig vom Bruderholz
Die Baslerinnen und Basler lieben die unkomplizierte sizilianische Gastfreundschaft und die herrlichen italienischen Spezialitäten. Bis heute können sie auf Deutsch, ma anche in italiano bestellen, die meisten Angestellten sprechen beide Sprachen. Arancini, Cannoli, Amaretti, Cantucci, Biscotti di Mandorla, «alles wird in unserer Backstube in Allschwil produziert nach den alten Rezepten unserer Familie», erzählt Carmela nicht ohne Stolz. Pistazien und Mandeln kommen selbstverständlich aus Sizilien, die Eier aus Therwil und der Honig vom Bruderholz. Regionalität und Nachhaltigkeit ist auch im Da Graziella ein grosses Thema.

Der Kühnheit und dem Durchhaltewillen eines sizilianischen Gastarbeiters und seiner tüchtigen Familie ist es zu verdanken, dass es das Da Graziella heute gibt. «Allerdings ist so eine Geschichte auch nur in der Schweiz möglich», betont Carmela. «In keinem anderen Land kannst du einen Betrieb eröffnen, ohne die Landessprache zu sprechen.» Und in akzentfreiem Schweizerdeutsch ergänzt sie: «Wir lieben unsere sizilianischen Wurzeln, aber Basel ist unser Daheim!» Meraviglioso, grazie!