Als ich Fafa treffe, diskutiert er mit zwei Polizisten. Er hat gerade begonnen, einen Autobahnbrücken-Pfeiler mit Dispersion zu bemalen. Es ist laut, auf der vorbeiführenden Schnellstrasse donnert der Morgenverkehr. Fafa heisst eigentlich Rafael Marquez und ist Künstler. Heute hat er frei und freut sich darauf, den öffentlichen Raum zu gestalten. Die Wand, die er bemalt, ist eine Grauzone im eigentlichen Sinne: Grauer Beton, bei dem niemand so genau weiss, ob man ihn legal bemalen darf. Nicht einmal die Polizei ist sich sicher, denn offensichtlich ist das, was Fafa hier tut, etwas Positives: Er verschönert den tristen Pfeiler mit einem Landschafts-Gemälde.
Warum malst du hier an diesem unwirtlichen Ort?
Das mache ich aus Spass! Ich habe seit langem mal wieder etwas Zeit für mich. Hier zu malen gibt mir das authentische Gefühl vergangener Tage als Street-Artist zurück. In solchen Arbeiten liegt die Seele der Strassenkunst. Ich habe leider nur noch selten Zeit für solche Bilder, da ich meist im Atelier und an Aufträgen arbeite. Dieses Bild ist das erste Strassenbild seit einem Jahr.
Dafür nimmst du in Kauf, dass die Polizei vorbeikommt…
Tja, eigentlich ist das hier kein illegaler Ort, aber die Polizisten sind sich oftmals auch nicht ganz sicher. Meistens schauen sie nur und gehen wieder. Da ich mit Farbe und Pinsel arbeite, wird meine Kunst eher toleriert. Sprayer haben es da viel schwerer. Eine Spraydose wird taxiert wie eine Waffe. Sie signalisiert: Illegal.
Hast du früher auch mit Spraydose gearbeitet?
Ja, ich habe mit etwas über 20 in Sevilla damit angefangen, habe aber 2012 aufgehört. Ich bin eigentlich ausgebildeter Maler. Zudem sind die Dämpfe der Spraydose giftig und ich wollte etwas gesünder arbeiten. Betonwände bemale ich darum heute mit Dispersion.
Basel berührt meine Seele. Fast alle meine Arbeiten sind von Basel inspiriert.Raphael Marquez aka FAFA
Du kommst aus Andalusien, hast in Sevilla Kunst studiert – warum Basel? Ursprünglich kam ich wegen einer Freundin in die Schweiz. Aber geblieben bin ich, weil ich hier mit meiner Kunst arbeiten und davon leben konnte. In Spanien ist es schwierig, an gute Aufträge zu kommen. Hier kann ich für die IWB arbeiten, oder aktuell male ich zum Beispiel die Wall of Fame im Gerbergässlein neu. Seit sieben Jahren gestalte ich auch Laternen für die Basler Fasnacht. Basel ist meine Inspiration. Hier fühle ich mich zuhause, hier habe ich meine ganz eigenen Landschaften und Stimmungen gefunden. Basel berührt meine Seele. Fast alle meine Arbeiten sind von Basel inspiriert.
Du malst Bierflaschen, Turnschuhe, Enten, Drämmli und immer wieder den Rhein…Ja, mein Thema ist der Alltag. Früher bestand der aus meiner Sneakersammlung und aus Szenen meines Graffiti-Künstler-Lebens. Das war cool und sehr kommerziell. Unterdessen ist mein Alltag ziemlich langweilig geworden. Ich bin gerne in der Natur und mit der Familie, meinem vierjährigen Sohn unterwegs. Darum male ich oft Landschaften. Weniger, um etwas zu verkaufen, sondern einfach, weil’s mir guttut.
Am Anfang deiner Bilder stehen Fotos. Werden die von dir inszeniert?
Niemals. Auch wenn du mir den Auftrag gibst, ein Familienbild zu malen, halte ich eine Szene aus dem Alltag fest. Warte, bis niemand mehr daran denkt, dass ich da bin und mache dann ein Foto. Weil ich die Sprache unserer Zeit repräsentieren will, sind meine Bilder zudem meist in Hochformat – typische Handybilder eben. Auch wenn die Tradition der Landschaftsgemälde natürlich Querformat ist.
Bist du nervös, bevor du eine Wand bemalst?
Heute morgen war ich tatsächlich etwas nervös. Es ist immer dasselbe: Bevor ich mit dem Malen beginne, habe ich das Gefühl, noch nie gemalt zu haben. Aber wenn ich dann dran bin, ist es wie Velofahren.
Bist du enttäuscht, wenn deine Bilder übersprayt werden?
Das gehört dazu. Die Idee der Strassenkunst ist nicht, dass sie für die Ewigkeit bleibt. Jetzt gerade übermale ich zum Beispiel ein Bild, das ich selbst vor fünf Jahren gemacht habe. Es war zwar noch perfekt erhalten, aber ich wollte etwas Neues gestalten. Und aus Respekt vor anderen Künstlern übermale ich natürlich kein fremdes Bild.
Welcher Teil des Malens ist der Beste?
Der beste Moment ist der, an dem aus einem zweidimensionalen Bild etwas Dreidimensionales wird. Das ist magisch.
Ein paar Stunden später beendete Fafa sein Bild auf dem Brückenpfeiler unter der Autobahn. Es zeigt eine Ente auf einem Stück Holz im Wasser. Die Polizei liess ihn in Ruhe malen.
Rafael Marquez - FAFA
Der Strassenkünstler und Maler Rafael Marquez aka FAFA kam 1977 in Spanien zur Welt und wuchs in Sevilla auf, wo er auch sein Kunststudium absolvierte und mit der Graffiti-Kunst begann. Heute arbeitet er nicht mehr mit der Spraydose, sondern malt mit Pinsel und Acryl- oder Ölfarben, zudem zeichnet er sehr gerne. Motive für seine Bilder findet er im Alltag und sehr oft in der Stadt Basel. Seine Werke malt er auf Leinwand, Holz und Papier und nach wie vor gerne in den öffentlichen Raum. Seine Kunst findet man zum Beispiel an der Schwarzwaldbrücke, am Sommercasino, auf dem Bell-Areal, dem Klybeck-Campus und an zahlreichen weiteren Orten in und um die Stadt.