Einst wurde in den Fabrikhallen der Ciba Geigy in riesigen Chromstahl-Bottichen synthetische Farbstoffe für Textilien hergestellt. Viele dieser Hallen im Klybeck stehen heute leer. Nur die Porte 31, das einstige Pförtnerhäuschen neben der alten Kantine, ist wieder belebt. Hier stehen die Strickmaschinen der Fair Fashion Factory, einem Verein, welcher der katastrophalen Ökobilanz der Modebranche einen nachhaltigen Ansatz entgegenstellt.
Die Modebranche gehört zu den schmutzigsten Industrien weltweit.Pascal Heimann
«Unsere Vision ist es, in Basel wirtschaftlich und sozial tragbar Textilien herzustellen und damit eine textile Kreislaufwirtschaft in Gang zu setzen», erklärt Fair Fashion Factory-Mitgründer Pascal Heimann. Als erfahrener Textildesigner kennt er die Vorteile, wenn Design und Produktion Hand in Hand laufen. Zudem hat er die Missstände der Textilindustrie selbst erlebt. «Die Modebranche gehört zu den schmutzigsten Industrien weltweit», so Pascal. «Doch die Konsumentinnen und Konsumenten sind sich nicht bewusst, dass die Rechnung für ein günstiges Kleidungsstück anderswo sehr teuer bezahlt wird. Für unseren Verein war daher von Anfang an klar: Wir müssen die Produktion angehen!»
Innovative Lösungsansätze sind gefragt!
Nach einem Crowdfunding konnte sich die Fair Fashion Factory eine industrielle Strickmaschine anschaffen. Sie steht nun neben einer Umspuhlmaschine und mehreren kleineren Schweizer Dubied-Maschinen in der alten Ciba-Porte. Vier Textil-Profis lernen aktuell die Funktionen der neuen Maschine kennen und fuchsen sich in die Strick-Software ein. Bald werden hier Schals, Mützen und Pullis produziert. Das Interesse am Basler Jersey war bereits im Vorfeld gross, bei kleinen wie auch grösseren Unternehmen. «Zukünftig wird zum Beispiel der FCB seine Schals bei uns stricken», freut sich Pascal.
Die neun Mitwirkenden der Fair Fashion Factory wissen; die Modeindustrie braucht innovative Lösungsansätze. Darum soll hier neben der Textil-Produktion auch das Bewusstsein der Konsumentinnen und Konsumenten geschärft werden. Zudem braucht es neue Konzepte. «Wir funktionieren zum Beispiel alte Textilien zu neuen Produkten um», erklärt Pascal. Aktuell arbeitet das Design-Team an einem Pilotprojekt mit Stoffen aus der Hotellerie. Die Idee dahinter: Aus dem sehr sauberen, hochwertigen Material entstehen kleine Souvenirs, die in den Hotels verkauft werden können. «Zudem überlegen wir uns, wie man die Berge von Altkleidern bereits in Basel sortieren könnte, um sie nicht nach Indien oder Afrika auszuführen. Um ein solches System aufzubauen, bräuchte es allerdings eine vorgezogene Recyclinggebühr. Die Baumwolle könnte man wieder in Fasern zerlegen und neu stricken.»
Und dann gibt’s da noch die Unmengen an Überproduktionen. Neue, unverkaufte Kleidungsstücke, die auf die Entsorgung warten … Die zu bewältigenden Aufgaben der Modeindustrie sind ähnlich gigantisch wie die Kleiderberge, die sich an Afrikas Stränden türmen. Die Fair Fashion Factory ist sich dessen bewusst. Mit lokaler Produktion, verkürzten Lieferketten, individuellen Stückzahlen und mehr Transparenz hält sie dagegen. Dabei ist sie weit mehr als ein Produktionsstandort für Strick; sie ist ein Knotenpunkt für textile Fragestellungen. «Wir haben das Netzwerk und das Know-how. Wir sehen, wo die Lücken sind und helfen, diese zu schliessen», erläutert Pascal. Doch am Ende sind wir alle gefragt: Wir müssen unser Konsumverhalten überdenken, weniger und dafür besser einkaufen und zu dem, was wir bereits besitzen, Sorge tragen.
Der teure Preis billiger Mode
Ein neuer Pulli, eine Jeans, ein T-Shirt; wir kaufen heute 400% mehr Kleidung als noch vor 20 Jahren – und dies zu immer billigeren Preisen. Doch unser Überkonsum geht zu Lasten der Umwelt und der Menschen, die unsere Kleidung produzieren. Die Modebranche gehört zu den schmutzigsten Industrien weltweit, belegt Rang 2 hinter der Ölindustrie. Missstände finden sich entlang der gesamten Lieferkette. Die Brennpunkte: Menschenrechtsverletzungen, Umweltzerstörung und ein gigantischer Abfallberg von Kleidern. Schätzungen zufolge ist die Modeindustrie für 8–10 % der globalen CO₂-Produktion und für 20 % der gesamten industriellen Wasserverschmutzung verantwortlich. Allein in Basel werden jede Woche rund 15 Tonnen Altkleider entsorgt, die irgendwann in Deponien in Indien oder Afrika landen. Die Fair Fashion Factory entwickelt Konzepte und Ideen, um den Missständen der Modeindustrie entgegenzuwirken, die Menschen aufzuklären und ein Umdenken in Gang zu setzen.
FAIR FASHION FACTORY
Mauerstrasse 1
fairfashionfactory.ch