Mit Anfang 20 lernten sich Gilli und Diego Stampa in der Ciba Geigy kennen. 60 Jahre später ist ihre Galerie eine stadtbekannte Kulturinstitution. Gilli, Diego und die Kunst – das ist eine Geschichte voller Liebe und Rock’n’Roll.

Diego Stampa sortiert die Ausstellungsprospekte auf dem Bänkli vor der Eingangstür, während seine Frau Gilli Stampa hinten in der Buchhandlung für Ordnung sorgt. Die beiden wohnen im selben Haus, in dem sie seit 1969 ihre Galerie samt Buchhandlung führen. Das vereinfacht vieles. Trotzdem arbeitet heute eine Kunsthistorikerin in Büro und Archiv, ein Schreiner kümmert sich um das Auf- und Abhängen der Kunstwerke. Denn auch mit 80+ organisieren die beiden regelmässig neue Ausstellungen, kuratieren das Buchsortiment, betreuen sowohl die Künstlerinnen der Galerie als auch die Besucherinnen und planen bereits die Teilnahme an der kommenden Art Basel.

Seitdem die internationale Kunstmesse 1970 erstmals organisiert wurde, sind Diego und Gilli Stampa mit dabei. Kein Wunder begegnen die beiden dem Wirbel um die Art unterdessen sehr gelassen. Sowieso habe sich der ganze Kunstzirkus in den letzten Jahren stark verändert. «Früher waren wir mit vielen Galeristinnen und Galeristen befreundet», erzählt Gilli Stampa. «Heute sagen uns die Standnachbarn oftmals nicht einmal mehr Grüezi.» Sie zuckt mit den schmalen Schultern, die in ein pinkfarbenes Sportjäckchen gehüllt sind. Zart wirkt sie. Grazil. Man sieht, dass sie einst Ballett tanzte. 

Seit 56 Jahren sitzen die beiden also jeweils eine Woche im Jahr inmitten von Schönen und Reichen an der Art? «Wir sitzen nicht – wir stehen!» korrigiert Diego mit einem Augenzwinkern und rückt den Schemel zurecht, auf dem er sitzt; ein Ulmer Hocker von Max Bill – handsigniert auf der Unterseite. Man müsse schon persönlich anwesend sein, vor allem an den sogenannten VIP-Tagen, meint Gilli. Ob Brad Pitt auch schon bei den Stampas zu Besuch war? «Vorbeispaziert ist er sicher schon», schmunzelt Gilli. Darauf Diego: «Wer ist Brad Pitt?» 

Bündner Bergwelt trifft Rock’n’Roll
Wenn Gilli und Diego erzählen, öffnet sich eine grosse, bunte, mitunter herrlich exzentrische Welt. In ihrer Haltung, ihrer Unabhängigkeit und ihrer Freiheit schwingt Rock’n’Roll. Unverblümt berichten sie vom Basel der wilden 1970er Jahre, von ausschweifenden Partys und von ihrer Hochzeit im gemieteten Brautleid. Diego erinnert sich an seine Wurzeln im Bergell, an seinem Vater und dessen Rastlosigkeit, wegen der die Familie Stampa von einem Ort zum nächsten zog. Gilli spricht über ihre multikulturelle Familie, die in Weil am Rhein wohnte, von ihren italienischen Wurzeln und von den ersten Gastarbeitern, die bei ihnen daheim ein- und ausgingen. Im Gegensatz zu Diego hört man Gilli ihre Herkunft heute nicht mehr an. Nur Diegos Dialekt hält sich hartnäckig – und verleiht der Galerie Stampa eine sympathischen Schuss Bündner Bergwelt. 

Die Kunst ist eine Schule des Sehens und Empfindens. Sie öffnet den Geist.
Gilli Stampa

In all den Jahren haben sich Gilli und Diego ein enormes Wissen angelesen und erarbeitet – ein lebenslanges Studium der Kunstgeschichte. Dabei kommen sie ursprünglich aus der Forschung, haben sich in der Ciba Geigy kennengelernt, wo Diego seltene Metalle analysierte und Gilli einzellige Lebewesen in der Mikrobiologie. Ende der 1960er Jahre beschlossen sie gemeinsam, dass Basel einen kulturellen Treffpunkt braucht. «Wir waren jeweils um 17 Uhr mit der Arbeit in der Chemie fertig und suchten einen Ort, an dem wir uns mit anderen Menschen austauschen konnten», erinnert sich Diego. «Wir konnten ja nicht jeden Abend ins Kino oder in die Beiz.» Beide waren Anfang 20 und voller Tatendrang.

Wir wollen in Bewegung bleiben und dazulernen, Austausch haben, Kommunikation.
Diego Stampa

Am Spalenberg 2 fanden sie ungenutzte Räume zur Miete, die sie in Eigenregie jeweils am Feierabend von Taubendreck, Farbschichten und Tapeten befreiten. «Kaum haben wir mit der Renovation begonnen, kamen stetig interessierte Leute vorbei. Die fanden diesen wilden, freien Ort toll. So begann alles langsam zu wachsen und zu gedeihen.» Eine Buchhandlung entstand und ein Raum für Kunst, der 1969 eröffnete. Das Haus war stets ein offener Ort, hier gingen die Kuttlebutzer und Jean Tinguely ein und aus, zudem zahlreiche Frauen der Frauenbewegung und der Feministischen Avantgarde. Auch Jacques Herzog und Pierre de Meuron, Michael Alder, Roger Diener, Silvia Gmür, Coop Himmelblau Wien oder Archigram London fanden am Spalenberg eine zweite Heimat.

Die Galerie Stampa als Tor zur Welt
Bereits in den 1970er Jahren stellte die Galerie Stampa Künstlerinnen aus, die ihren Körper als Medium nutzten, Rollenbilder dekonstruierten und die Diskriminierung anprangerten. Kunstschaffende wie Valie Export, Ulrike Rosenbach oder Pipilotti Rist waren es, die Installationen, Video- und Performancekunst an den Spalenberg brachten und so neue Wege in der Kunst beschritten. «Der Zeitgeist war damals ein anderer», so Gilli, «es gab eine kollektive Gemeinschaftlichkeit, vieles bewegte sich, auch politisch. Plötzlich galt es als langweilig, nur noch Bilder an die Wand zu hängen.» Allerdings wurde mit den neuen Kunstformen auch vieles komplizierter. Die Transporte der Installationen waren enorm aufwändig und der Verkauf schwierig. Dennoch; in all den Jahren ihrer Arbeit mit und für die Kunst dachten Diego und Gilli nie ans Aufhören, im Gegenteil. Sie verfolgten die Entwicklung der Branche aufmerksam, beobachteten neue Strömungen, änderten auch mal den Kurs und gingen ungewohnte Wege – so arbeiteten sie zum Beispiel zehn Jahre lang mit dem Basler Musikladen Plattfon zusammen. Ein Polaroid-Bild des Fotografen Alex Kayser zeigt Diego und Gilli in den 1970er Jahren in New York. Gilli, Zigarette in der Hand, trägt ein schwarzes T-Shirt der Künstlergruppe General Ideal mit der Aufschrift ‘Fetish’. Diego steht mit wilder Mähne lässig daneben. «Das sind wir, wie Bonny und Clyde», lacht Gilli.

Bis heute präsentiert das Galeristen-Paar jedes Jahr fünf bis sechs Ausstellungen, Künstlerinnen und Künstler wie Roman Signer, Zilla Leutenegger, Rosemarie Trockel oder Pipilotti Rist gehen hier ein und aus. Die Buchhandlung wird laufend mit neuen Publikationen zu Kunst und Architektur, zu Fotografie und Design aber auch zu Mode, Theater und Film ergänzt und widerspiegelt Gillis und Diegos breites Interesse an der Welt. Sogar Kochbücher findest du hier, Garten-Inspirationen, Musiker-Biografien und natürlich den Atlas zur Geschichte Graubündens. Die Galerie Stampa ist in Basel eine Institution. «Wir wollen in Bewegung bleiben und dazulernen, Austausch haben, Kommunikation», so Diego. «Bis heute lesen wir von Hirnforschung über Politik alles, um am Puls der Zeit zu bleiben und zu verstehen, was auf dieser Welt los ist.» Ihr Leben, in dem sich alles um die Kunst dreht, empfindet Gilli als Privileg. «Die Kunst ist eine Schule des Sehens und Empfindens. Sie öffnet den Geist», ist sie sicher. Diego und Gilli Stampa zeigen eindrücklich: Wer offen ist und interessiert, wer sich mit der Welt auseinandersetzt, ist und bleibt selbst interessant.