Erinnerst du dich an die alte Stadtgärtnerei, die Stückfärberei, das nt*/areal? Kreative Experimentierorte, die temporär sehr viele Menschen beglückten. Orte voller Leben, voller Geschichte und Geschichten, eigenwillig, frei und bis heute in denkwürdiger Erinnerung. Auch das Tanzhaus auf dem Franck Areal im Horburg-Quartier ist so ein urbaner Freiraum, der Platz bietet für Begegnung und Austausch. Nur: Das Tanzhaus ist keine Zwischennutzung, sondern etabliert sich gerade als zuverlässiger Basler Kulturort.
Hier treffen sich junge Choreografinnen und erfahrene Künstler, Tanzbegeisterte und Neugierige in Räumlichkeiten, die bis vor einigen Jahren von Nestlé als Büros und Werkstätten genutzt wurden und in Silos, in denen einst Zichorienwurzeln für Kaffee-Ersatzprodukte lagerten. Der Duft der Wurzeln hängt bis heute in der Luft. Allerdings hängt nun Bühnenbeleuchtung an den hohen Decken, es sind Tanzböden verlegt und Zuschauer-Tribünen aufgebaut. Alte Beschriftungen, Schilder und Tafeln aus der Thomi&Franck- und Nestlé-Zeit sowie die im Original-Zustand belassenen Böden und Wände wirken zwar provisorisch, sind es jedoch nicht. Das Tanzhaus ist gekommen, um zu bleiben. Auch in Zukunft soll hier gar nichts abgerissen, soll das Industriedenkmal bewahrt werden – Werkstatt-Charme und 90er-Jahre-Büro-Flair inklusive. Eine seltene Perle am Rande der Stadt.
Als wir hier das erste Mal reinkamen, standen noch schmutzige Kaffeetassen der Nestlé-Mitarbeitenden auf den Tischen.Vanessa Prein
Thomy-Mayo neben Contemporary Dance
Geschäftsführerin Vanessa Prein sitzt auf einem alten Stuhl an einem in die Jahre gekommenen Sitzungstisch. Am Boden steht der etwas ramponierte Druck einer Thomy-Mayonnaise, in den Regalen liegen gerollte Tanzhaus-Plakate. Ein wilder Mix aus biederem Büro-Style und kreativer Schaffenskraft. «Wir haben das gesamte Inventar von Nestlé übernommen. Als wir hier das erste Mal reinkamen, standen noch schmutzige Kaffeetassen der Nestlé-Mitarbeitenden auf den Tischen», erzählt Vanessa schmunzelnd. «Wir haben sie abgewaschen und benutzen sie bis heute.»
2022 verkaufte Nestlé die Hälfte des Grundstücks an die Basler KULTQuartier Immobilien AG. Die will hier in den kommenden Jahren einen Treffpunkt für verschiedene Bevölkerungsgruppen entstehen lassen. Das 2023 gegründete Tanzhaus ist ein Teil des Ganzen. Während in mehreren Studios und auf zwei Bühnen Kulturschaffende ihre Produktionen entwickeln, Muskeln dehnen und trainieren, wird nebenan nach wie vor im Schichtbetrieb Thomy-Senf und -Mayonnaise für den Schweizer Markt produziert. Zwei Welten, die friedlich nebeneinander koexistieren.
Mit Vanessa Prein kommt eine dritte Welt hinzu. «Ich bin hier völlig artfremd», lacht sie, nicht etwa wilde Tanzmaus, sondern strukturierte Juristin. «Weil ich wenig Ahnung von Tanz und damit einen unvoreingenommenen Blick habe, wurde ich für den Aufbau des Vereins Tanz Haus und die operative Geschäftsführung des Tanzhauses angefragt.» Etwas Neues aufzubauen, ist Vanessas Ding und so ist sie im Tanzhaus voll im Element. Auch wenn sie sich an die Arbeitsweise der Leute aus der Kreativszene noch nicht vollständig gewöhnt hat. «Ich war 15 Jahre bei der Pharma-Industrie tätig, bin Corporate-konditioniert und leistungsgetrieben. Das führt hin und wieder zum Kultur-Clash.» Nebenbei amtiert Vanessa als Strafrichterin. Ihre Art von Ausgleich.
Uns werden die Türen eingerannt. Der Spielplan ist bis Ende 2027 bereits festgelegt.Vanessa Prein
Tanz als verbindendes Element
Auf dem Rundgang durch die verwinkelten Gänge wird klar, wie gross das Bedürfnis der Tanzszene nach einem eigenen Ort ist. Im Erdgeschoss entwickelt ein Tänzer eine neues Solo-Stück, in einem der Studios probt eine Companie, eine Etage höher besprechen ein paar Tänzerinnen das weitere Vorgehen. Eine Musical-und eine Tangoschule mieten sich regelmässig hier ein. «Das Haus ist voll», bestätigt Vanessa. «Uns werden die Türen eingerannt. Auch der Spielplan ist bis Ende 2027 bereits festgelegt.»
Ein überaus vielfältiger Spielplan ist das, der die Arbeit junger Choreografinnen wie auch erfahrender Künstler präsentiert. Auch für kleine Kinder und Jugendliche gibt es Aufführungen. «Wir wollen ein niederschwelliges Angebot für alle bieten», so Vanessa. «Tanz soll verbinden.» Schön, wenn noch mehr Menschen den Weg ins alte Franck-Areal finden, den süsslichen Zichorien-Duft in den Silos atmen und dem Industrie-Charme des Tanzhauses erliegen – ganz ohne Wehmut und Angst vor Verlust, denn dieser Ort, der bleibt.