Dass mein (weiblicher) Körper ein fantastisches Gerät ist, weiss ich spätestens seit der Geburt meiner Kinder. Erst fegt eine brachiale Gewalt über den Mutterkörper hinweg, zerlegt ihn von unfassbaren Schmerzen begleitet in Einzelteile. Und Sekunden später wird aus der kompletten Zerstörung zarte Berührung, stilles Einssein, überbordende Liebe – es ist der Wahnsinn. Gefolgt von dem Wahnsinn des Hormoneinschusses, der Schlaflosigkeit, der neuen Sorgen und Ängste, des Alleinseins, der kompletten Überforderung, der endlosen Fürsorge um einen neuen Menschen bei quasi sofortigem Wiedereinstiegs in die Erwerbsarbeit. Mein Körper ist mein Held.
Zeit, dass diesem und allen weiteren Frauenkörpern eine Ausstellung gewidmet wird. «Labouring Bodies» im Museum Tinguely untersucht aus feministischer Perspektive die vielschichtigen Beziehungen zwischen Körper und Technologie. Sie beleuchtet, wie insbesondere weibliche Körper seit der Moderne durch Maschinen geprägt und kontrolliert wurden. Im Zentrum stehen arbeitende, sorgende und gebärende Körper, die bis heute unsichtbar bleiben und in der Geschichte systematisch ignoriert wurden. Dabei richtet sich der Fokus auf die enge Verflechtung von Arbeit (Produktion) und biologischer Fortpflanzung (Reproduktion) – eine Verbindung, die der Ausstellungstitel mit der doppelten Bedeutung von «labouring» als Lohnarbeit und Gebären aufgreift.
In «Labouring Bodies» gibt es ein ganzes Jahrhundert der Kunst aus einem neuen Blickwinkel zu entdecken. Dabei werden zentrale gesellschaftliche Fragen zu Körper, Arbeit und Fürsorge reflektiert: Welchen Einfluss hat die Mechanisierung auf unser Leben und unsere Arbeitswelt? Welche Formen von Arbeit werden entlohnt – und welche bleiben unsichtbar? Und wie gerecht ist die Verteilung jener Arbeit, die unsere Gesellschaft trägt? «Labouring Bodies» thematisiert nicht nur bezahlte Lohnarbeit, sondern auch unbezahlte Haus- und Sorgearbeit als zentrale, jedoch oft unsichtbare Grundlage wirtschaftlicher Systeme. Eine Zweiteilung, die Künstlerinnen bereits seit den 1970er Jahren hinterfragen.
Die Arbeit der Frau im Fokus – ein Novum, wurde bislang in der Kunst doch meist der Blick auf den arbeitenden Mann gelenkt. Im Museum Tinguely wird sichtbar, was Frauen leisten. Oft im Hintergrund als stille Hilfskraft, auf Gynäkologen-Stühlen, in Fabriken, an Schreibmaschinene oder Milchpumpen. Frauen schaukeln Babies, Lohnarbeit, Beziehungsarbeit. Dabei sollen sie hübsch aussehen, schlank, sportlich, gesund und natürlich; dankbar und glücklich sein. Aber klar: Kein Mensch ist eine Maschine. Auch das zeigt die Ausstellung eindrücklich.
Labouring Bodies
Im Museum Tinguely vom 10. Juni bis 8. November 2026
Das Museum Tinguely beherbergt die grösste Werksammlung von Jean Tinguely (1925–1991), einem der innovativsten und wichtigsten Schweizer Künstler des 20. Jahrhunderts.