Texte & Bilder: Andreas Schwald
Es wirkt wie eine archäologische Stätte. Nur dass die Ruinen noch intakt sind und nie heilig waren. Das alte Industrie-Areal von Ciba-Geigy, Sandoz und später Novartis und BASF ist ein gewaltiger baulicher Rest einer vergangenen Welt. Fabriken, in denen weltberühmte Farben abgemischt wurden – das Rot für Ferrari zum Beispiel –, in denen Krebsmedikamente entstanden und Kassenschlager wie die Schmerzsalbe Voltaren. Hier brummte zur Mittagszeit der Betrieb, Tausende in Mänteln und Kitteln wuselten zum Zmittag in der grossen Kantine. Heute stehen die Gebäude monumental und weitgehend leer im Basler Norden.
Leer zumindest gemessen an den alten Zeiten. In einem Gebäude an der Klybeckstrasse 200 befindet sich das Basler Chemiemuseum; eine noch junge Institution, die seit 2021 zweimal gezügelt hat. Auch das eine Auswirkung der Arealgeschichte; hier kommen mal Rückstände zum Vorschein, dort muss aus feuerpolizeilichen Gründen geschlossen werden. Die neuen Eigentümer Swisslife und Rhystadt AG, die das Areal unter dem Projektnamen Klybeckplus zu einem Wohn- und Geschäftsgebiet transformieren, haben es von Novartis und BASF inklusive der Standortbelastungen übernommen. Die Sanierungsfrage steht noch aus.
Man sieht die Menschen auf Bildern, mal geschäftig marschierend, mal ernsthaft in die Kamera blickend und nur selten lächeln. Die Chemie war ein ernstes Geschäft und das hatte entsprechend auszusehen.
Im Chemiemuseum selbst ist auch das ein Thema. Denn um die Geschichte der Arbeitnehmenden der einst wirtschaftlich einträglichsten Branche der Stadt zu thematisieren, muss auch thematisiert werden, womit genau gearbeitet wurde: Chemie, halt. Und das heisst nicht nur Pipettieren im Labor, sondern ganze Bottiche mit Inhaltsstoffen abfüllen, Reaktionen geschehen lassen und, noch früher, ganze Holzfässer voller Farbstoffe mit der Schaufel auskratzen oder eben befüllen.
Ein enormer Ameisenhaufen im Norden
Gross ist das Museum heute zwar nicht – es erinnert mit den vielen industriellen Hinterlassenschaften auch etwas an ein Ortsmuseum –, aber man muss es derzeit auch eher als eine Art Besucherzentrum oder Portal zur Geschichte des Klybeck sehen, als Eingangstor zu einer geistigen Zeitreise. Und da trägt eben ein Vergleich mit grossen Stätten der Geschichte durchaus. Sind die baulichen Hinterlassenschaften und weiteres stoffliches Erbe noch sehr wohl vorhanden, so ist es erst die Vorstellung an die vielen Menschen, die dort zugange waren, die einen wirklichen Eindruck der Dimensionen verschafft. Man sieht sie auf Bildern, mal geschäftig marschierend, mal ernsthaft in die Kamera blickend und nur selten lächeln. Die Chemie war ein ernstes Geschäft und das hatte entsprechend auszusehen.
Nicholas Schaffner, der das Museum für den dahinterstehenden Verein «Industrie- und Migrationsgeschichte der Region Basel» führt, zeigt auf die Metallspinde und den Brunnen am Eingang: «An die 20'000 Menschen arbeiteten einst auf diesem Areal.» Und alle mussten sich irgendwo umkleiden, duschen, parat machen. Im Untergrund bestehen heute noch riesige Garderobenräume. Tausende Leute, die im Schichtbetrieb einrücken: Das sind Dimensionen, die man sich hier kaum mehr vorstellt – in grossen Bürokomplexen vielleicht ja, aber in Fabriken? Dabei herrschte hier noch bis in die 1990er-Jahre Hochbetrieb. Erst in den 2000ern wurden die letzten Fabriken geschlossen. Pipettiert wurde zwar weiterhin. Aber Bottiche und Reaktoren wurden stillgelegt und verschwanden, wie die letzten der alten Basler Fabrikarbeiter.
Eine wirklich reinliche Arbeit war das lange nicht. Bis der erste Gesamtarbeitsvertrag (GAV) der chemischen Industrie im Jahr 1945 in Kraft trat, war das hier sogar ausgesprochen dreckig. Der Basler Künstler Walter Maeglin setzte damals den Arbeitern – es waren Männer – gestalterische Mahnmale. Etwa das Porträt eines Mannes, der sich den Körper mit Lehm eingerieben hatte, um nicht allzu sehr in Kontakt mit den Farbstoffen zu kommen. Oder jene Fabrikansicht, auf der sich jemand notdürftig mit einem Lappen einen Atemschutz montiert hatte. Es waren auch ziemlich aggressive Stoffe, mit denen damals hantiert wurde. Die Farbe Fuchsin zum Beispiel wurde früh schon in grossen Mengen aus Teer gewonnen. Und Fuchsin, das in etwa dem Farbton des heutigen Magentas entsprach, war nun mal ein Basler Exportschlager.
Die Arbeiteraristokratie kam – und verschwand wieder
Mit dem GAV wurden die Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen massiv besser. «Es entstand sogar eine Art Arbeiteraristokratie», sagt Schaffner: Wer in dieser florierenden Industrie Arbeit fand, galt als privilegiert. Lief die Industrie hier vor dem Krieg schon gut, ging es nach 1945 nur noch aufwärts. Die Schweiz konnte in den Nachkriegsjahren ohne Unterlass chemisch produzieren; im Gegensatz zu den Nachbarländern blieben Fabriken hier unbeschadet und leistungsfähig. Die weltweite Nachfrage war enorm, der Wohlstand wuchs. In den 1960er-Jahren gönnte sich die Ciba einen üppigen Ausbau des Areals: Unter anderem entstanden das Hochhaus WKL-125 und daneben mit dem WKL-610 die modernste und wohl schickste Kantine der Schweiz.
Vele Stoffe wurden erst einmal angerührt und brauchten dann Zeit, bis sie reagiert hatten. Die vertrieb man sich dann gerne mal mit Sport, zum Beispiel Tennis. Oder, und auch da gibt es belegte Anekdoten, beim Rumliegen in der Sonne auf dem Rasen.
Es ist und war eine Welt der Kontraste: Einerseits der Arbeitsalltag, viele Routinen, die zunehmend maschinell und mit frühen Computern gesteuert wurden, andererseits aber auch viel Wartezeit. Denn viele Stoffe wurden erst einmal angerührt und brauchten dann Zeit, bis sie reagiert hatten. Die vertrieb man sich dann gerne mal mit Sport, zum Beispiel Tennis. Oder, und auch da gibt es belegte Anekdoten, beim Rumliegen in der Sonne auf dem Rasen. Oder mit sonstwelchen kleineren Aktivitäten. Wer zu viel faulenzte, wurde allerdings auch mal strafversetzt. Etwa in die feuchtwarmen, nach viel Chemie muffenden Produktionshallen – für die, die das nicht gewohnt waren, eine Zumutung und auch dazu gibt es reihenweise Anekdoten.
War das Werk Klybeck einst eine Stadt in der Stadt und eine Produktionsmaschine globalen Ausmasses, so ist es heute ein Monument ohne Volk. Tritt man aus dem Chemiemuseum und blickt sich auf der Kreuzung vor der ehemaligen Kantine um, wähnt man sich eher in einem sehr stillen, wenig schmucken Vorort. Die Gebäude stehen noch da, die Menschen fehlen. Zwischennutzungen und Vermietungen bringen etwas Leben zurück, doch vergleichbar mit früher ist das nicht. Heute sind es noch etwa 2’000 Menschen, die auf dem Areal ihren Alltag verbringen. Erst mit dem Projekt klybeckplus soll hier wieder eine eigentliche Stadt entstehen. Bis dahin führt Nicholas Schaffner, selbst aus einer Chemiefamilie stammend, Besucher durch einen Jahrhundert-Ort, der noch existiert und doch bereits Vergangenheit ist.