Seit vier Jahren organisiert die KBH.G aussergewöhnliche Ausstellungen, die kostenlos allen Menschen zugänglich sind. Direktor Raphael Suter erzählt von der unkonventionellen Philanthropin, deren Vermächtnis diesen besonderen Raum für Kunst ermöglicht.

Mal eben eine Wand frisch streichen, ein paar Dübel setzen und Spots ausrichten, damit die Bilder der neuen Ausstellung schön zur Geltung kommen – so läuft das nicht in der Kulturstiftung Basel H. Geiger. Eine neue Ausstellung ist hier immer mit einem komplett neuen Raumkonzept verbunden. Dreimal pro Jahr werden die Ausstellungsräume im Erdgeschoss der einstigen Fabrik für Mikromotoren umgestaltet. Wird auf 500 Quadratmetern umgebaut. Eingebaut. Tapeziert und verlegt. Beleuchtet und montiert. Die Besuchenden tauchen mit jeder Ausstellung in eine komplett neue Welt ein. Gratis, notabene. Inklusive aufwendig gestalteter Begleitpublikation. Kostenlos. Alles. Für jede und jeden zugänglich. Kunst für alle.

Vorher - nachher: Nur die Säule ist noch erkennbar ...

Dieses menschenfreundliche Konzept ist einer besonderen Frau – und ihrem besonders wohlhabenden Grossvater – zu verdanken. Sibylle Piermattei Geiger erbte mit über 70 Jahren als Enkelin des Pharmazeuten Hermann Geiger ein kleines Vermögen, als ihre Familie die von Geiger gegründete Firma Gaba, die unter anderem die Zahnpasten Elmex und Aronal entwickelt und produziert hatte, an die Colgate-Palmolive-Gruppe verkaufte. Sibylle Geiger selbst führte nie das Leben einer Millionärin. Und wollte im Alter damit auch nicht mehr beginnen. Wohin also mit den vielen Millionen, zumal sie keinen Kindern vererbt werden konnten? In die Kunst, natürlich! Gemeinsam mit ihrem Mann Rocco Piermattei gründete sie in Cecina in der Toskana die Fondazione Geiger.

Sibylle Geiger mit ihrem Mann Rocco Piermattei bei der Besichtigung der heutigen KBH.G.

2015 reiste Raphael Suter, damaliger Kulturredaktor der Basler Zeitung, anlässlich einer Reportage nach Cecina und lernte die Mäzenin kennen. Es entstand eine Freundschaft. Drei Jahre später verkündete sie ihm während eines gemeinsamen Mittagessens in Basel, sie wolle ihr Kunsthaus in Italien schliessen und in Basel eine Stiftung eröffnen. «Und du leitest sie! sagte sie zu mir», erinnert sich Raphael Suter. «Sie gab mir alle Freiheiten unter einer Bedingung: Mach keine langweiligen Ausstellungen!» Nach rund 40 Jahren als Journalist und Redaktor entschied sich Raphael Suter dafür, fortan Kunst und Kultur zu präsentie- ren. «Mich hat Sibylles Vertrauen gerührt. Und ich sah, dass das eine Riesenchance ist in meinem Alter. Ein Lottosechser – der Wahnsinn», sinniert er. 2018 wurde die Kulturstiftung Basel H. Geiger gegründet. Im August 2020 eröffnete die erste Ausstellung.

Mich hat Sibylles Vertrauen gerührt. Und ich sah, dass das eine Riesenchance ist. Ein Lottosechser – der Wahnsinn.

Eigenwillig, weltoffen, menschenfreundlich
Sibylle Piermattei Geiger wusste immer genau, was sie wollte. Gesellschaftliche Konventionen waren ihr egal. Gegen den Willen ihrer Eltern besuchte sie in den 1940er-Jahren die Kunstgewerbeschule Basel, ging mit 19 Jahren nach Paris an eine Schule für Bühnen- und Kostümbildung. Später arbeitete sie an diversen Opernhäusern und Theatern und pflegte ein Verhältnis mit einem 30 Jahre älteren, verheirateten Bühnenbildner, weshalb sie von ihrer Familie nach Basel zurückbeordert wurde. «Sie hat Alberto Giacometti gekannt, mit Herbert von Karajan gearbeitet und in Rom in den Cinecittà-Studios für die Spaghetti-Western Kostüme gemacht. Sie war immer bescheiden. Und hatte nie Geld», schmunzelt Raphael Suter. «Ihr Grossvater Hermann Geiger hat sie aber immer liebevoll unterstützt.» Als ihre Familie den Konzern des Grossvaters verkaufte, gehörte sie schlagartig zu den 100 reichsten Schweizerinnen und Schweizern. «Das hat sie unglaublich gestört», weiss Raphael Suter. «Sie wollte einfach ihr Leben weiterführen. Sibylle war ein Bauchmensch. Hat gegen alle Widerstände stets ihren Traum verfolgt. Das hat mich tief beeindruckt.»

Raphael Suter mit Hündchen im Lift der KBH.G.

So war es denn auch Sibylle Piermattei Geigers Anliegen, in Basel ein Kulturangebot zu schaffen, das vorbehaltlos allen Menschen kostenlose Kunsterlebnisse ermöglicht. Raphael Suter ordnet ein: «Natürlich hat in Basel niemand auf uns gewartet. Deshalb war mir die Positionierung der KBH.G immer wichtig. Wir machen keine Blockbuster-Ausstellungen berühmter Künstler:innen. Wir arbeiten nicht kommerziell und konkurrenzieren nicht mit den Galerien. Wir entdecken auch keine Newcomer. Wir sind eine Nische, machen Dinge, die andere nicht machen.» Oft werde er gefragt, wo denn der rote Faden der KBH.G sei. «Ich glaube, der rote Faden ist der, dass es keinen gibt.»

Alles andere als langweilig
Die Ausstellungen der KBH.G entstehen immer aus Seilschaften, die während Raphael Suters Tätigkeit als Kulturredaktor entstanden sind. «Die Ideen sind aber nie von mir», gibt Raphael Suter offen zu. «Ich kontaktiere Menschen, damit die ihre Ideen und Vorstellungen einbringen.» So sind unterdessen seit der Eröffnung 2020 bereits 12 Ausstellungen entstanden, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da waren intime Fotografien von Frauenkörpern, in Neoninstallationen ver- ewigte Musiktitel, Originalplakate von Pablo Picasso, Keramik und Textilien aus Transsilvanien oder immersive Räume zu Themen wie der sich skrupellos auf der Erde ausbreitenden Menschheit oder dem Problem des Alterns. Wenn immer man die KBH.G betritt, weiss man nicht genau, was einen erwartet – nur, dass es spannend wird, das ist gewiss.

Die erste Ausstellung 2020; Sibylle Piermattei Geiger hat sie leider nicht mehr erlebt. Sie starb mit 89 Jahren wenige Wochen vor der Eröffnung. «Sie hat die Räumlichkeiten noch gesehen und war bei der Auswahl der Werke dabei», so Raphael Suter, der die Stiftung nun ganz im Sinne von Sibylle führt. «Bei jeder Ausstellung frage ich mich: Hätte sie jetzt Freude? Das ist mir sehr, sehr wichtig. Denn ihr Geist ist da. Das ist ihre Stif- tung.» Ob nun jemand die KBH.G betritt, weils draussen gerade regnet, aus purer Langeweile oder aus Interesse an Kunst und Kultur – Raphael Suter ist es egal. «Ich freu mich über jede Person, die uns besucht. Denn so wollte es Sibylle. Sie wollte einen Ort, an dem alle willkommen sind.»

KOMMENDE AUSSTELLUNGEN

BIDS FOR SURVIAL von Michael Schindhelm
THE END OF AGING – bis am 21. Juli 2024
ROOTS – 30. August bis 17. November 2024

HOME IS A FOREIGN PLACE von Sandra Knecht 10. Januar bis 27. April 2025

In Planung sind zudem Ausstellung zur Basler Malerin Irène Zurkinden und dem Kunsthändler, Sammler und Holocaustüberlebenden Carlo Laszlo.