Bunt, wild, exzentrisch, aber auch politisch und mit viel Herz: Designerin Jacqueline Loekito ist ein Freigeist. Sie hat ihr eigenes Label, entwirft Theaterkostüme und ist Dozentin an der HGK FHNW. In ihrem winzigen Atelier gibt es modisch keine Grenzen.

Jacqueline Loekito ist der pinke Stern am Basler Modehimmel. Ihre farbenfrohen Designs stellen Geschlechterstereotypen, Schönheitsideale und Körpernormen in Frage. In ihrer Welt sind alle Menschen frei zu tragen, was sie wollen. Jacqueline liebt die überschaubare Grösse Basels und die Arbeit an ihrer Nähmaschine. Zum Zeitpunkt des Interviews ist sie seit ein paar Wochen mit ihrem zweiten Kind schwanger und befindet sich in einer Phase, in der sie sich noch nicht ansatzweise so umwerfend fühlt, wie sie dennoch wirkt. Im Gespräch zeigt sie sich nachdenklich und zerbrechlich. Gleichzeitig kann sie herrlich laut lachen, antwortet scharfsinnig und mit viel Herz. Ein Gespräch über Uniformen, Liebe und die Urkraft der Mütter.

Du bist in der grössten Stadt Südostasiens aufgewachsen. Welchen Duft hast du in der Nase, wenn du an deine Kindheit denkst?
Was für eine Frage. Gerade jetzt, wo ich schwanger bin, nehmen Düfte nochmal einen ganz anderen Raum ein. In meiner Kindheit lebte ich mit meinen Eltern und meinen zwei Geschwistern im Süden Jakartas. Hinter unserem Haus floss ein brauner Fluss, und Luftverschmutzung war damals noch kein Thema. Morgens wurde ich vom Krähen eines Hahns geweckt. Wenn ich daran denke, fühlt es sich fast wie Urlaub an. Es riecht nach Erde. Nach Wärme. Und irgendwie auch nach Anfang.

Nach dem Anfang deiner Mode-Karriere?
Mode war tatsächlich mein Kindheits-Traum. Ich bekam meine erste Nähmaschine mit acht, nähte alle meine Barbiekleider selbst. Auch mein Vater war im Modebereich tätig, er modelte, hatte Freunde in der Designer-Szene und auch in der LGBTQ-Community. Die gab es tatsächlich bereits damals, auch wenn Indonesien natürlich ein muslimisches Land und das Thema offiziell Tabu ist.

Stammt das Pink in deiner Arbeit aus deiner Kindheit?
Nein, das Pink kam erst in Basel. In Jakarta lernte ich erst einmal, dass man als Frau nicht anziehen darf, worauf man Lust hat. Dann kam ich ins Mode-Paradies London, wo ich mich plötzlich kleiden konnte, wie ich wollte. Während meines Bachelor-Studiums beschäftigte ich mich mit geschlechtsneutraler Kleidung. Damals gab es kaum Unisex-Mode und erstaunlicherweise stiess meine Idee auch im offenen London nicht nur auf Begeisterung. In Basel schliesslich startete ich im Rahmen meines Masters Recherchen zum Thema Pink und fand heraus: Pink wurde im 17. und 18. Jahrhundert gerne von Männern getragen. So wurde Pink zum Leitmotiv meiner Arbeit.

Du warst ja bereits in London ziemlich erfolgreich …
Ja, nach meinem Bachelor wurde ich für eine Reality-TV-Show angefragt. Die Show hiess «Styled to Rock UK» und wir mussten Outfits für Stars wie Kanye West, Katy Perry und Rihanna entwerfen. Das war eine gute Übung. Im Umgang mit Kunst- und Theaterschaffenden und im Design von Kostümen profitiere ich bis heute von dieser Erfahrung. Ich kam bis ins Finale. Und obwohl ich die Show am Ende nicht gewann, so verschaffte sie mir doch viele Styling-Aufträge.

Bei meinem ersten Besuch dachte ich, Basel sei die Kulisse von Hänsel und Gretel.
Jacqueline Loekito

Und was brachte dich nach Basel?
2013 begleitete ich eine Freundin hierher. Es war Winter, schneite und ich hatte nie zuvor von dieser Stadt gehört. Wir gingen zu einer Party in den Nordstern. Da traf ich Yves, meinen heutigen Mann. Wir redeten die ganze Nacht, tauschten Nummern. Am nächsten Tag nahm er mich mit auf die Fähre und zum Tee trinken ins Hirschi. Das fand ich sehr romantisch! Nach zwei Jahren Fernbeziehung entschieden wir uns für eine gemeinsame Zukunft in Basel. Auch der politischen Umstände wegen. Der Brexit hatte mir die Lust an England verdorben.

Aber Basel muss anfänglich ein Schock gewesen sein?!
Ja, bei meinem ersten Besuch dachte ich, Basel sei die Kulisse von Hänsel und Gretel. Aber als ich dann öfter hier war, verliebte ich mich in die Stadt. Ich lernte neue Ecken und Leute kennen und erkannte die Vorteile der kurzen Distanzen. In Jakarta war ich allein für den Weg zur Grundschule zwei Stunden unterwegs. Hier konnte ich plötzlich zu Fuss in den Ausgang – ein Traum!

Ich stelle mir immer wieder die gleiche Frage: Warum entwerfe ich in einer Welt, die an so vielen Stellen blutet, überhaupt noch ein weiteres Stück?

Wie wichtig ist dir Mode?
Sie ist für mich alles – ein Heilungsprozess, eine Form von Kommunikation, Geschichte, Gemeinschaft. Und gleichzeitig stelle ich mir immer wieder die gleiche Frage: Warum entwerfe ich in einer Welt, die an so vielen Stellen blutet, überhaupt noch ein weiteres Stück? Ich denke viel über die Grundlagen nach. Darüber, wohin das alles führen soll. Was Mode eigentlich bewirken kann – und vielleicht auch muss. Diese Themen begleiten mich ständig, auch in meiner Arbeit als Dozentin an der FHNW, wo ich genau darüber mit meinen Studierenden diskutiere.

Welchen Teil deiner Arbeit magst du besonders?
Ich mag das Entwickeln neuer Ideen – dabei geht es auch immer darum, mich selbst zu finden. Zudem liegen mir die Materialsuche und das Recherchieren sehr. Ich nähe unglaublich gerne, es ist Teil meiner Therapie. Aber auch die Arbeit mit den Studierenden inspiriert mich und natürlich sind die Fashion-Shows toll. Ich realisiere in jedem Jahr ein neues Projekt. Dieses Jahr schreibe ich ein Buch. Darin geht es unter anderem um Uniformen. Ich liebe Uniformen! Ich bin mit Schuluniformen aufgewachsen. Sie machen die Zugehörigkeit zu Gesellschaftsschichten und Religionen unsichtbar. Die Frage ist nun natürlich; wie sieht die Uniform von Jacqueline Loekito aus?

Pink?
Klar! Und natürlich wird es keine klassische Uniform. Im Moment recherchiere ich viel und experimentiere mit Kleidern aus der Brockenstube. Ich bin gerne früh dran – wir haben März. Im September ist der Geburtstermin unseres zweiten Kindes. Spätestens Anfang nächstes Jahr möchte ich etwas präsentieren.

Basel ist ja nun nicht gerade eine Modestadt …
Für mich lustigerweise schon – oder sagen wir: je zur Hälfte. Natürlich; ich bewege mich im Fashion-Umfeld. Aber auch ausserhalb sehe ich hier immer wieder modisch herausstechende Figuren. Und natürlich; die Teenager und alle anderen – tragen eine Uniform. Die Menschen wollen nicht auffallen, sie mögen es, gleich auszusehen. Das gibt ihnen Sicherheit. Doch gerade heute morgen bekam ich ein Kompliment für meinen pinken Mantel. Meine verrückte Mode sorgt für Gesprächsstoff! Ich stelle mir vor, wenn es nun überall pinke Mäntel zu kaufen gäbe, würden sie zu etwas völlig Normalem werden, eine neue Uniform würde entstehen ...

Das dürfte jedoch noch eine Weile dauern.
Absolut. Aber Basel scheint mir enorm aufgeschlossen, wie ein kleines London. Darum gebe ich die Hoffnung nicht auf: Die Menschen sollten tragen, was immer sie wollen und aufhören sich zu fragen, was andere über ihren Look denken. Mehr Farbe wäre schön - das Leben ist zu kurz für modische Zurückhaltung!

Mit der Geburt meiner Tochter öffnete sich die Tür zu einer Parallelwelt.

Wie hat das Muttersein dich oder deine Perspektive auf die Welt verändert?
Das Muttersein ist eine Urkraft. Schon bevor ich selbst Mama wurde, nannte mich meine queere Community manchmal ‘Mutter’ und ich trug diesen Titel mit Stolz. Mit der Geburt meiner Tochter öffnete sich jedoch die Tür zu einer Parallelwelt. Ich mache mir mehr Sorgen. Aber ich fühle mich auch stark. Ich habe Leben geboren, jetzt kann ich alles schaffen! Zumindest wenn ich nicht gerade wieder schwanger bin. Ich hatte ganz vergessen, wie sich das anfühlt …

Was macht dich wütend beim Blick auf die Welt?
So vieles! Wir leben in einer Ära der Schurken. Ein matriarchales System würde positive Veränderung bringen. Aber die Idioten gewinnen derzeit immer. Um nicht zu viel Energie an das Negative zu verschwenden, fokussiere ich mich auf meine kleine Bubble und versuche, Gutes im Kleinen zu bewirken.

Was würdest du gerne richtig gut können?
Ich wäre gerne eine richtig gute Mutter. Und eigentlich möchte ich sowieso in allem besser sein. Ich wäre gerne eine bessere Köchin, eine bessere Lehrerin, eine bessere Ehefrau und eine bessere Freundin – es gibt noch sehr viel zu tun!

Kurzbiografie
Jacqueline Loekito kam als Tochter einer Engländerin und eines Indonesiers in Jakarta zur Welt. Mit 19 Jahren verliess sie Indonesien und begann in London Fashion Design zu studieren. Nach ihrem Bachelor arbeitete sie als Stylistin und wurde als eine von zwölf Designerinnen für Rihannas Show «Styled to Rock UK» ausgewählt. 2015 kam sie der Liebe wegen nach Basel und schloss hier 2018 ihr Masterstudium im Fach Modedesign ab. Sie hat ihre Liebe geheiratet, ist Mutter von (bald) zwei Kindern und designt eigene Kollektionen, die für die Aufhebung traditioneller Geschlechterrollen stehen. Sie arbeitet mit lokalen Kunstschaffenden zusammen und entwirft Kostüme für das das Theater Basel, Theater Roxy und das Zürcher Theater Neumarkt. Am Institut für Modedesign HKG Basel FHNW unterrichtet sie Studierende und leitet das Masterstudio.

jacqueline-loekito.com