Es ist ein Mittwochmorgen im Herbst. Früher Morgen. Kurz nach 6 Uhr, um genau zu sein. Draussen ist es dunkle Nacht. Als ich die Tür zur St. Jakob-Arena öffne, höre ich Musik. Das Eisfeld ist hell erleuchtet, man hört das Kratzen von Kufen auf dem Eis. In den Gängen joggt Kimmy Repond, schwarze Leggins, schwarzer Hoodie, schwarze Turnschuhe, Airpods im Ohr. Auch ihre jüngere Schwester Caline macht sich warm. Zusammen hüpfen sie auf einem Bein die Treppen zur Tribüne hoch und runter, dehnen sich, springen auf dem Betonboden Axel, Flip, Lutz. Und nochmal. Nicht gut abgesprungen, nochmal, Haltung! Nochmal, nochmal.
Auch Mama Claudia ist dabei. Sie fährt Caline nach dem Morgentraining zur Schule. Normalerweise ist auch die ältere Schwester Jérômie vor Ort – sie trainiert Kimmy im Normalfall, ist aber gerade verreist. Schwester Sidonie ist Sportpsychologin und unterstützt Kimmy mental. Eine Familienunternehmen, das akribische Planung und Organisation verlangt. Kimmy ist 19 Jahre alt, hat bereits vor zwei Jahren die Matur gemacht und fokussiert sich nun ganz auf ihre Karriere im Spitzensport. Um 6.45 Uhr geht’s zur Umkleide. Kimmy bindet sich die Haare zu einem Dutt, checkt die Nachrichten auf ihrem Handy, holt die Schlittschuhe aus dem Spind, dessen Türe vollgeklebt ist mit Fotos – Erinnerungen vergangener Wettkämpfe.
Manchmal gehe ich nach dem Morgentraining nochmal ins Bett.Kimmy Repond
Morgens um 6 von Null auf Hundert
Eigentlich ist Kimmy verletzt. Seit Wochen kämpft sie mit Schmerzen im linken Fuss – keiner weiss so genau, was los ist. Trainiert wird dennoch. Schaumgummi-Einlagen helfen, den Schmerz etwas zu lindern. Wer sich schon einmal in Eiskunstlauf-Schuhe gezwängt hat, weiss: Wirklich bequem ist anders. «Zwei Stunden geht’s, danach gibt’s Druckstellen und kalte Füsse», meint Kimmy und gähnt. Sie ist kein Morgenmensch. «Manchmal gehe ich nach dem Morgentraining nochmal ins Bett.» Sie wickelt den linken Schuh mit Klebeband ein, um eine gebrochene Stelle zu stabilisieren. Die neuen Schuhe stehen zwar parat – aber die alten sind bequemer.
Obwohl das frühe Aufstehen eine Tortur ist, Kimmy ist froh, aufs Eis zu können: «In den Morgenstunden herrschen super Trainingsbedingungen, nur wenige Läufer sind jetzt schon hier. Je mehr Leute gleichzeitig trainieren, desto gefährlicher wird es.» Punkt 7 Uhr. In der Halle sind es kühle 17 Grad. Kimmy betritt in Leggins und enganliegendem, dünnen Oberteil die polierte Eisfläche. Ihr heutiger Trainer ist David Vincour, ein ehemaliger tschechischer Eiskunstläufer. Kimmy hat sich für die Olympischen Winterspiele in Mailand 2026 qualifiziert. Dort will sie sich eine Medaille holen. Kurzprogramm und Kür hat sie bereits im Frühjahr 2025 mit ihrem Choreographen David Wilson in Toronto einstudiert.
Kimmy und Caline sind nicht allein auf dem Eis. Von 7 bis 8 Uhr trainieren sämtliche drei Eiskunstlaufclubs der Stadt ihre besten Nachwuchstalente im Joggeli. Jeden Tag. Rund 10 Buben und Mädchen fahren ihre Runden, drehen Pirouetten, üben Sprünge, stürzen, stehen auf, nehmen erneut Anlauf. Verschiedene Trainerinnen und Trainer rufen ihre Anweisungen aufs Eis. Nicht immer ist der Ton versöhnlich. Derweil scherzt Kimmy mit ihrem Trainer David. Sie ist mit ihren 19 Jahren mit Abstand die älteste Läuferin auf dem Eis. «Meine Kolleginnen und Kollegen haben alle mit 15 oder 16 Jahren aufgehört», erzählt sie. Heute kümmert sie sich als eine Art grosse Schwester um die Kleineren und läuft als beste Eiskunstläuferin der Schweiz ausserhalb jeder Konkurrenz. Früher erlebte sie im Training auch Neid. «Offen gesagt habe ich das nie ganz verstanden, es gibt doch immer Leute, die besser sind», meint sie pragmatisch. «Ich finde Neid im Sport unnötig.»
Schwerelosigkeit – ein Kraftakt
7.30 Uhr, Kimmy hat rote Bäckli. Was mühelos aussieht, ist alles andere als das. Ihre Pulsuhr zeigt einen Puls von 180, ihre Beine schmerzen. Obwohl sie täglich trainiert, obwohl ihr Körper eine Hochleistungsmaschine ist – das Training auf dem Eis fordert alles von ihr. Nach fünf Wochen, in denen Kimmy wegen ihrem schmerzenden Fuss nur noch sehr reduziert trainieren konnte, ist ihr Körper die Belastung nicht mehr gewohnt. «Ich war zwar täglich zwei Mal im Gym, habe an meiner Kraft und an der Kondition gearbeitet, aber auf dem Eis ist das Training viel intensiver.»
Eiskunstlauf ist sehr komplex, wird dadurch nie langweilig und das Training macht einfach Spass.
Schon als kleines Mädchen war Kimmy oft in der Eishalle und schaute beim Training ihrer beiden älteren Schwestern zu. Anfangs noch vom Restaurant aus, später wollte sie selber aufs Eis. «Meine Mutter bestand jedoch darauf, dass ich auch andere Sportarten ausprobiere. Ich ging ins Kunstturnen, zur Rhythmischen Sportgymnastik und ins Schwimmen. Aber nichts gefiel mir so sehr wie der Eiskunstlauf. Hier ist keine Stunde wie die andere. Ich studiere die Programme ein, gehe ins Gym für Kraft und Kondition, übe Sprünge, Pirouetten – Eiskunstlauf ist sehr komplex, wird dadurch nie langweilig und das Training macht einfach Spass.»
Es geht darum, diese Grenzen zu überschreiten. Es ist erstaunlich, was man kann, wenn man bereits denkt, man kann nicht mehr.
Es ist unfassbar, was der zierliche Körper von Kimmy zu leisten im Stande ist. Diese enorme Kraft, um beim Absprung die nötige Höhe zu erreichen und den Körper nach dem Sprung wieder aufzufangen. Die Technik und die Präzision, um sich mehrfach in der Luft um die eigene Achse zu drehen und am Ende auf einem Fuss wieder zu landen – auf dem verletzten Linken notabene. Während Kimmys Körper harmonisch übers Eis gleitet, wirbelt und fliegt, wird er zur Kunst. Er wird schwerelos, ihr Tanz wirkt mühelos – und ist dabei alles andere als das. Kimmys Körper und Geist kommen dabei immer wieder an Grenzen. Doch Kimmy ist sich sicher: «Es geht darum, diese Grenzen zu überschreiten. Es ist erstaunlich, was man kann, wenn man bereits denkt, man kann nicht mehr.»
Wille, Fokus und Liebe zum Sport
Und dann ist da noch die Nervosität vor dem Wettkampf. «Die zehn Minuten, bevor ich aufs Eis gehe, sind die schlimmsten», so Kimmy. «Dass ich meine Schwester dann an meiner Seite habe, hilft mir enorm. Ich bin so dankbar für alles, was sie für mich tut. Ohne sie wäre ich niemals auf dem Level, auf dem ich heute bin. Auch meine Arbeit mit Mentaltrainer und Psychologen unterstützt mich dabei, mich zu fokussieren und meine Gedanken bei mir zu behalten, nicht zu ‘overthinken’. Während der Minuten auf dem Eis schliesslich denke ich an gar nichts. Ich mache einfach.» Und sie macht es gut. Sehr gut. Sieben Mal wurde sie bereits Schweizermeisterin. An den Weltmeisterschaften 2024 wurde sie fünfte und qualifizierte sich sogar für die Olympischen Spiele 2026 in Mailand.
Unterdessen ist es 8 Uhr, draussen ist es hell. Während die meisten Menschen zur Arbeit oder zur Schule fahren, beendet Kimmy das erste Training des Tages. Weitere Trainingseinheiten werden folgen – auch wenn der linke Fuss schmerzt. Vier bis fünf Stunden widmet sie ihrem Körper täglich. Hinzu kommen Physio- und Cryotherapie. An vier Tagen die Woche trainiert sie zudem ihre jüngere Schwester Caline. Einen Eindruck von ihrem Alltag bekommt man auf ihrem Insta-Kanal. Knapp 280'000 Menschen folgen ihr, wenn sie Einblick gewährt in Trainings, Werbeaufträge und Wettkämpfe. Mit ihrer Grösse von 1.77 Metern wird sie immer häufiger auch als Model gebucht. «Ich bin vor zwei, drei Jahren stark gewachsen. Das war ein grosses Thema damals, weil es hiess, das wäre auf dem Eis ein Nachteil. Aber ehrlich? Meine Grösse spüre ich nicht. Ich fühle mich auf dem Eis genau gleich wie früher. Und ich bin mit Abstand die Grösste.» Es ist gegen neun, als Kimmy noch für ein paar Bilder posiert. Kurz muss sie ein Gähnen unterdrücken, dann wirkt sie sogar auf der Betontreppe sitzend anmutig und elegant.