Einen Song anspielen und nach nur wenigen Sekunden per Tippen auf den Handybildschirm zum nächsten Titel springen – das geht bei einer Schallplatte nicht. Ich gebe zu, ich brauchte eine Weile, bis ich mich an diese neue, alte Form von Musikkonsum gewöhnte. Seit kurzem bin ich stolzer Besitzer eines Plattenspielers und einer kleinen, aber stetig wachsenden Plattensammlung mit Neuheiten sowie Klassikern aus der Sammlung meiner Eltern. So wie mir geht’s ganz vielen Musikliebhaberinnen und Musikliebhabern – von jung bis alt. Die Schallplatte erlebt gerade ein Revival. Die Umsatzzahlen in der Schweiz sind letztes Jahr um fast 20 Prozent gestiegen, in den USA haben die Vinylverkäufe sogar erstmals seit 1983 die Marke von einer Milliarde Dollar übertroffen.
Es findet eine Rückbesinnung statt. Die Menschen sehnen sich danach, Musik bewusster zu hören.Michael Zaugg
Ein geordnetes Chaos mit Profil
Michi und Sevi kann man mit solchen Zahlen nicht beeindrucken. Sie wussten schon immer um die Qualität und das Hörerlebnis analoger Musik. Anfang der Nullerjahre – damals noch neben dem Restaurant Hirscheneck – gegründet, befindet sich Plattfon Records seit 2009 an der Feldbergstrasse. Dass viele Menschen nun wieder Freude an Vinyl entwickelt haben und ihren sorgfältig kuratierten Laden besuchen, freut die beiden. «Es findet eine Rückbesinnung statt. Die Menschen sehnen sich danach, Musik bewusster zu hören», sagt Michi und Sevi fügt an: «Wer Schallplatten hört, muss arbeiten. Zuerst holt man die Platte aus dem Regal, befreit sie von Staub, legt sie auf den Plattenteller und setzt dann die Nadel auf. Das Album wird danach in der Reihenfolge gehört, wie es von der Band dramaturgisch und konzeptionell gedacht war.»
Gewiss, das Streaming beherrscht den Musikmarkt. Dennoch sei eine Sättigung in Teilen der Gesellschaft festzustellen. «Ich glaube, wir haben den Zenit erreicht. Die Menschen brauchen eine Pause von der digitalen Welt, möchten echte Materialien spüren und etwas Haptisches besitzen. Das kann dir das Streaming nicht bieten», ergänzen sich Michi und Sevi gegenseitig und wenden sich einer neuen Lieferung Schallplatten zu, welche es feinsäuberlich ins geordnete Chaos einzusortieren gilt. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint– hier hat alles seinen festen Platz. Struktur muss sein, um ihre Kundinnen und Kunden kompetent beraten zu können, ihnen persönliche Empfehlungen zu geben – und sich dadurch von der digitalen Konkurrenz abzuheben. Ob sie denn auch die neue Platte von Beatrice Egli oder Helene Fischer ins Sortiment aufnehmen würden, frage ich die beiden mit einem Augenzwinkern. Michi und Sevi lachen und antworten, um eine professionelle Aussage bemüht: «Seitdem die Leute wieder vermehrt auf Schallplatten zurückgreifen, haben wir uns kommerziell sehr geöffnet. Dennoch möchten wir nicht von unserem Profil abrücken, das unseren Laden ja auch ausmacht. Um deine Frage zu beantworten: Nein, Helene Fischer gibt’s bei uns nicht. Wenn dies aber jemand hier bestellen möchte, helfen wir gerne.»
Second-Hand mit Seltenheitswert
Ein wichtiger Bestandteil ihres kuratierten Angebots macht die Second-Hand-Ware aus. Rund die Hälfte ihrer Schallplatten hatten bereits eine andere Besitzerin oder Besitzer. Mir sticht das Preisschild über der Platte von Pink Floyd «The Dark Side of the Moon» aus dem Jahre 1973 ins Auge: 350 Franken. Hoppla! «Dabei handelt es sich natürlich nicht um ein gewöhnliches Produkt, sondern um die allererste Pressung, die damals in England erschienen ist – daher der Preis», erklärt mir Sevi. Um solche Sammlerstücke mit Seltenheitswert erkennen und deren Preis abschätzen zu können, braucht es die entsprechende Kompetenz. Auch diese zeichnet die beiden Freunde aus.
Während ich noch durch die Plattensammlung blättere und die vielen weiteren, seltenen Trouvaillen studiere, öffnen Michi und Sevi die Ladentüre und stehen in die Morgensonne, die sich langsam ihren Weg durch die Feldbergstrasse bahnt. Es dauert nicht lange, bis sie von einem fremden Passanten angequatscht und in ein Gespräch verwickelt werden. Plattfon Records sei eben nicht nur ein Ort für Musikliebhaberinnen und Musikliebhaber, sondern auch eine Anlaufstelle für Menschen, welche einfach nur etwas soziale Nähe suchen, erzählt mir Michi als der Schwatz nach zwei-drei Minuten auch schon wieder zu Ende ist. «Das gehört hier zum Leben an der Feldbergstrasse dazu. Und wir möchten mit unserem Plattenladen an keinem anderen Ort der Stadt zuhause sein.»