Vor 450 Jahren liess Caspar Bauhin, der erste ordentliche Professor für Anatomie und Botanik an der Universität Basel, am Rheinsprung ein Anatomisches Theater errichten. Gleichzeitig legte er nebenan einen Heilkräutergarten an. Jeweils im Sommer widmete er sich der Botanik, im Winter obduzierte, sezierte und präparierte er menschliche Körper. Der namhafte Basler Mediziner verfasste auch anatomische Lehrbücher, doch seine grosse Leidenschaft galt der Botanik. Er hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, möglichst viele Pflanzen zu katalogisieren, zu beschreiben und sie aufgrund ihrer Ähnlichkeiten systematisch zu ordnen. Sein aus dem Heilkräutergarten entstandener Botanischer Garten gilt heute als einer der ältesten der Welt.
Seit 1898 befindet er sich zwischen Spalentor und Petersplatz, direkt neben der Universität. Auf einem knappen Hektar ist die ganze grosse Welt der Pflanzen zuhause, gedeihen Lotosblüten, Passionsblumen, Alpenrosen und Strelizien, aber auch Bananen, Kakao, Vanille und Ingwer. Gleich beim Eingang des Tropenhauses klettert eine Pfefferpflanze in die Höhe. Auch urzeitliche Farne, imposante Bäume, zarte Moose, merkwürdige Wüstenpflanzen, Farne, Epiphyten, Mangroven und Kakteen wachsen auf dem Areal – über 7500 Pflanzenarten sind es insgesamt, alle beschriftet und zugeordnet. Allein; alpine Pflanzen haben im Botanischen Garten ihre Mühe. «Ihnen sind die Basler Sommer zu heiss», erklärt Marin Müller, Leiter des Botanischen Gartens. «Und im Winter erfrieren sie, weil die schützende Schneedecke fehlt.»
Würden wir die Pflanzen im Tropenhaus nicht regelmässig zurechtstutzen, wäre hier in Kürze alles dicht.Marin Müller
Auch für Fachleute gilt: jäten und schneiden
Marin Müller arbeitet seit Anfang 2025 im Botanischen Garten. Davor war er Gehölzspezialist und Obergärtner auf der Insel Mainau. In Basel kümmert er sich mit einem kleinen Team aus Fachleuten darum, dass der Botanische Garten stets perfekt aussieht und prächtig gedeiht. Wer selbst einen Garten pflegt, weiss, was das bedeutet: Jäten, jäten, jäten. Und überdies regelmässig schneiden. Viel mehr noch in tropischem Klima, wo alles in Rekordtempo wächst. «Würden wir die Pflanzen im Tropenhaus nicht regelmässig zurechtstutzen, wäre hier in Kürze alles dicht», schmunzelt Marin. Was wild und ursprünglich wirkt, ist in Wahrheit akribisch kontrolliert. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Licht und Belüftung sind elektronisch gesteuert. Daneben bleibt eine Vielzahl an Aufgaben, die von Hand ausgeführt werden müssen. Das Auslegen von Gurkenscheiben gegen Schnecken zum Beispiel. Oder das Bepinseln der Orchideenblättern mit einer Milch-Wasser-Mischung gegen Läuse.
Schädlinge sind auch im Botanischen Garten ein Thema. Zwar kommen neue Pflanzen immer erst in Quarantäne, doch ungewollte Gäste sind nicht zu vermeiden. Um einige von ihnen kümmern sich im Tropenhaus die Pfeif- und Pfeilgiftfrösche. «Die sind übrigens nicht giftig», betont Marin «weil wir sie nicht mit giftigen Raupen füttern – also keine Angst! Für uns sind die Frösche wichtig, weil sie Ameisen und kleine Insekten fressen.»
Biodiversität auf kleinstem Raum
Zweifellos sind es die exotischen Pflanzen mit ihren wundersamen Blüten und den enormen Blättern, die im Botanischen Garten besonders viele Blicke auf sich ziehen. Die Riesen-Seerose «Victoria», wegen der 1898 das Viktoriahaus gebaut wurde, zum Beispiel. Sie bildet Blätter mit bis zu zwei Metern Durchmesser. Oder die Titanwurz, die grösste Blume im Pflanzenreich, die sich über Monate entwickelt, dann jedoch nur wenige Stunden blüht und dabei fürchterlich nach Verwesung stinkt. Aber auch wer noch nie gesehen hat, wie gigantisch ein Mammutbaum ist oder wie die Atemwurzeln einer Sumpfzypresse aussehen, der wird im Botanischen Garten viel zu staunen haben.
Wie viel üppiger die Vegetation in anderen Klimazonen ist, erlebt man bei uns im Botanischen Garten, wo man einmal rund um die Welt reisen kann.
Und genau das will man hier; die Menschen zum Staunen bringen, ihnen Wissen zur Biodiversität vermitteln – zum Beispiel an den öffentlichen Feierabendführungen während der Sommermonate. «Gerade in Europa ist die Artenvielfalt nicht besonders gross», erklärt Marin. «Wie viel üppiger die Vegetation in anderen Klimazonen ist, erlebt man bei uns im Botanischen Garten, wo man einmal rund um die Welt reisen kann.» Eine solche Reise bietet freilich auch Erholung: Einmal durch die Farnschlucht spaziert, durch den Urweltgarten, die feuchte Hitze des Tropenhauses oder durchs kühlere Nebelwaldhaus; schon kommt man auf andere Gedanken. Das viele Grün wirkt beruhigend, der ganze Sauerstoff entspannt. Mal wähnt man sich im Amazonas, mal in den Rocky Mountains, auf den Kanaren, im Kongobecken oder in den Anden. Unglaublich schön ist es da, wo der Pfeffer wächst, wo Kakao, Kaffee und Reis gedeihen. Viel öfter sollte man durch diesen Garten spazieren und die irre Vielfalt der Welt auf sich wirken lassen.