Mareike Fallwickl
Die Wut, die bleibt
Eine Mutter von drei Kindern steht beim Abendessen auf, geht zum Balkon und stürzt sich ohne ein Wort in den Tod. Bäm. Zurück bleibt eine Familie im Schockzustand. Die Freundin der Mutter übernimmt die Fürsorge-Rolle, die älteste Tochter konzentriert sich auf die Wut. Mareike Fallwickls kämpferischer Roman handelt von einem System, das Frauen strukturell benachteiligt. Sie aushöhlt und auffrisst. Die Geschichte ist anstrengend, aber unglaublich wichtig. Ein Roman, den jeder Mann und sowieso jede Frau lesen sollte.
Mariana Leky
Was man von hier aus sehen kann
Immer wenn Luises Grossmutter Selma von einem Okapi träumt, stirbt am nächsten Tag ein Mensch im Dorf. Luises Vater kümmert sich zwar nicht um seine Tochter, erteilt aber ständig denselben Ratschlag: «Ihr müsst dringend mal ein bisschen mehr Welt hereinlassen», sagt er. Mariana Lekys Buch ist eine liebevolle Ode an das Leben mit allen Facetten. Ich hab die Geschichte gelesen, als Hörbuch (grossartig gelesen von Sandra Hüller) gehört und den Film gesehen. Drei Mal hat sie mich wie ein Zug überrollt, zerrissen und verheult wieder ausgespuckt. Ein Ereignis!
Verena Kessler
Gym
Verena Kesslers Roman spielt fast ausschliesslich in einer Muckibude. Die junge Frau im Zentrum arbeitet zunächst als Helferin an der Bar, beginnt dann jedoch selbst zu trainieren und verfällt alsbald selbst zwischen Hantelbank und Beinpresse den Freuden und Leiden des Muskelaufbaus. Die anfänglich komplett unsportliche Protagonistin gerät so langsam in eine wahnhaften Obsession. Und schreckt dabei auch vor Gewalt nicht zurück. Eine höchst amüsante Menschenstudie aus dem Fitness-Biotop. Sehr unterhaltsam und kurzweilig!
Katja Lewina
Was ist schon für immer
Für einige ist diese Buchempfehlung eventuell nur mit Lichtschutzfaktor 50 erträglich: Es geht um den Tod. Katja Lewinas Sohn ist nämlich mit sieben Jahren gestorben. Kurz darauf bekam sie selbst eine Diagnose mit hohem Todesrisiko. Doch Lewina will sich ihr Leben nicht nehmen lassen. Radikal offen spricht sie über die eigene Endlichkeit und beginnt sie als Teil des eigenen Lebens zu verstehen. Sie verschwendet keine Zeit mehr mit Menschen oder Jobs, die ihr nicht guttun. Klar wird; im besten Fall bräuchte es dafür keinen Schicksalsschlag, sondern eine bewusste Lebensführung. Und genau dafür steht das Buch.
Nina Kunz
Ich denk, ich denk zu viel
Neulich bin ich wieder über dieses Büchlein, das bereits 2021 bei Kein & Aber erschien, gestolpert und will es unbedingt in den Ferien am Meer noch einmal lesen: Nina Kunz' gesammelte Kolumnen, die sich um Leistungsdruck, Weltschmerz, Tattoos, glühende Smartphones, das Patriarchat und schmelzende Polkappen drehen. Herrliche kluge Gedanken, die zu Diskussionen unterm Sternenhimmel anregen.
Ruth-Maria Thomas
Die schönste Version
Jella, eine Frau in den Zwanzigern, hat gerade ihren Freund bei der Polizei angezeigt. Er hat sie gewürgt und gedroht, sie umzubringen. Sie hat ihm eine Pfeffermühle über den Kopf gehauen. Jella hat ihn oft provoziert, ihn sogar betrogen. Daher fragt sie sich nun, ob sie allenfalls selber Schuld ist an dem Schlamassel und ob sie zu ihm zurückgehen soll. Wie gerät eine Beziehung in einen toxischen Strudel? Gibt es eine Rechtfertigung für Gewalt? «Die schönste Version» ist ein facettenreicher, feministischer Roman über eine gewalttätige Beziehung, fesselnd bis zur letzten Seite.
Daniel Glattauer
Die spürst du nicht
Nicht überall, wo «Spiegel Bestseller» drauf steht, ist auch gute Literatur drin. Dieser Roman vom Wiener Autoren Daniel Glattauer hat mich dennoch überzeugt. Berühmt geworden durch seine romantischen Email-Romane, wird Glattauer hier politisch und widmet sich der Flüchtlichsfrage. Subtil bildet er die Fremdenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft ab und schafft dabei einen perfekten Mix zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit. Eine Geschichte, die einen packt, berührt und nachdenklich zurücklässt.
Sarah Kuttner
Mama & Sam
Sarah Kuttner schreibt über eine Frau, die die Liebe suchte und einen Love Scammer fand. Die sich verliebte und die Augen verschloss. Die nichts zurückliess, ausser einem schier endlosen Chat mit dem Betrüger. Nun steht die Tochter in der Wohnung der plötzlich verstorbenen Betrogenen. Ihre Mutter ist fort, deren gesamte Ersparnisse auch. Es bleiben viele Fragen. Wie kann eine kluge Frau auf einen Heiratsschwindler hereinfallen? Und warum konnte ihr von aussen niemand helfen? Ein überaus fesselnder, dichter Roman, den ich in einem Rutsch gelesen habe.