Wir treffen uns vor dem Café Finkmüller an der Klybeckstrasse. «Ich komme gerne hierher, um mit Freunden Kaffee zu trinken. Irgendwie kennen diesen tollen Ort viele Leute noch immer nicht», erzählt Jennifer Perez, die du vielleicht eher unter dem Namen La Nefera kennst.
Die 34-Jährige hat soeben ihren letzten Arbeitstag als Projektkoordinatorin im Careleaver Netzwerk Basel hinter sich gebracht. Ein emotionaler Moment also, den ich mit ihr auf einem Winterspaziergang teilen darf.
«Ich bin gerade überall am Abschied nehmen. Im Januar mache ich mich nämlich auf eine fünfmonatige Reise. Alles ein bisschen emotional grad.»
Zwei Monate Costa Rica, gefolgt von drei Monaten in einer kolumbianischen Musik-Residenz von Pro Helvetia; es gibt durchaus düsterere Prognosen fürs 2023.
Auf dem Weg zum Rheinufer erzählt mir die Rapperin, dass sie noch nicht recht wisse, was sie in Kolumbien erwarten wird. Ihr Hauptziel sei auf jeden Fall das Mischen vom neuen Album. «Wir connecten uns aktuell gerade mit spannenden und wichtigen Leuten vor Ort. Ein gutes Netzwerk ist enorm wichtig.» Wir, das sind Jennifer und Victor, der Sousaphonist der Band La Nefera. «Die anderen Bandmitglieder fliegen im Mai nach. Bis dann sollten wir mit dem Booking einer kleinen Tour ready sein», schmunzelt Jenny, «Zuerst freue ich mich aber auf Costa Rica. Auf Erholung und Inspiration. Und auf die Brüllaffen» – ihr dreckig-schallendes Lachen ist einfach herrlich!
«Die digitale Entwicklung der Musiklandschaft mit den Playlisten ist so einengend. Glücklickerweise sind wir mit La Nefera nicht so stark davon betroffen. Wir leben hauptsächlich von unseren Gigs.»La Nefara
Jennifer kommt ursprünglich aus der Dominikanischen Republik. Mit zehn Jahren ist sie mit ihren Schwestern und der gemeinsamen Mutter in die Schweiz gekommen, um hier ein neues Leben zu beginnen. In Laufen aufgewachsen, musste sie sich schon früh diversen Herausforderungen stellen, um hier Fuss zu fassen. «Ich erinnere mich noch daran, wie enorm fremd und weit weg sich selbst Basel anfühlte – mir fehlte komplett die Übersicht», blickt sie zurück. «Und heute kenne ich die Stadt sehr gut. Es ist alles so überschaubar. Ich liebe zum Beispiel die Quartierflohmis, wo du auch die verstecktesten Basler Hinterhöfe kennenlernst.»
Leben tut Jennifer mittlerweile in Pratteln. Die Tour in Kolumbien ist ihr erster Auftritt im spanischsprachigen Raum. «Wir haben uns bewusst für Kolumbien entschieden.» Denn ihre Heimat, die Dominikanische Republik, sei musikalisch noch eher traditionell oder sehr kommerziell unterwegs. Harter Rap mit elektronischem Einfluss und Brass-Instrumenten sei selbst auf der karibischen Insel noch immer zu exotisch.
Nix Kelly Family oder Backstreet Boys
Jennifers erste Musikerfahrungen führen sie zwar zur kubanisch-amerikanischen Sängerin Celia Cruz und dem spanischem Sänger Camilo Sesto, «mein Vater hat dauernd irgendwelche Balladen gesungen», ihre Leidenschaft galt jedoch schon immer der urbanen Musik. «Die erste CD, die ich mir gekauft habe, war entweder eine R’n’B-Compilation oder was von Red Man.»
Der erste Ausgang fand in einem Latinoschuppen in der Steine statt. «Oder war es doch die Freie Strasse? Wir waren oft mit meiner Mutter dort», sonntags trafen sie sich jeweils mit anderen dominikanischen Familien zur Bodega, «Tanzen war schon immer meine grosse Leidenschaft, welche ich vor allem mit meiner jüngeren Schwester geteilt habe», erzählt sie. «Als ich dann eines Tages eine CD von Shawnna gekriegt habe, machte es klick. Ich war schon immer ein grosser Fan von Rapperinnen wie Missy Elliot, Lil Kim oder Lauryn Hill. Shawnna aber hatte was Besonderes! Sie war die erste Frau, die ich richtig krass rappen gehört habe, mit harten Beats und ohne schnulzigem Gesang. Das hat mich echt gepackt, denn ich selbst fühlte mich auch hart» – hier ist es wieder, das herrliche Lachen. Hart im Sinne von direkt, tough, gnadenlos. «Ich habe ihre Texte ausgedruckt und geübt und geübt.» Irgendwann wurden dann eigene Lyrics daraus. Jenny war ungefähr 17 Jahre alt.
Ihr damaliger Freund war ebenfalls Rapper. «Wir haben uns gegenseitig gepusht, einen eigenen Bandraum mit Studio aufgebaut, welchen wir übrigens bis heute teilen.» 2008 suchte die kubanische Hip-Hop-Band Orishas eine Vorband; Jennifer und ihr Ex-Freund haben den Wettbewerb gewonnen. «Das war ein krasser Moment!» Aber noch lange nicht der Startschuss in eine unabhängige Musikkarriere.
Die nahbare Powerfrau stammt aus einfachen Verhältnissen. «Meiner Mutter waren die soziale und finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit sehr wichtig.» Eine Einstellung, die Jennifer irgendwie verinnerlicht hat.
2009 hat sie ihr Studium in Sozialer Arbeit in Angriff genommen. «Musik war für viele Jahre nur eine Leidenschaft; ich hatte nie den Anspruch, dass es professionell werden müsste.»
Dank dem Projekt 1 City 1 Song von Black Tiger hat die lebensfrohe Latina jedoch immer mehr Fuss im Business gefasst und sich insbesondere auch mit den wenigen Frauen, die in der lokalen Musiklandschaft vertreten waren, verknüpft.
«Ende 2016 habe ich dann per Zufall einen Trompetisten der Brass Band Error 404 kennengelernt, der mich in eine ihrer Proben eingeladen hat.» Das war der Anfang vom ersten gemeinsamen Album.
«Ich erinnere mich noch daran, wie ich vor sechs Jahren ebenfalls mit einer Mini-Besetzung aus Error-Musikern mit den Proben für eine Fasnachtsausgabe von Mitten in der Woche beschäftigt war. Bereits damals haben wir über Kolumbien gesprochen und sogar Stiftungsbeiträge für eine Tour erhalten.» Geklappt hat es zu diesem Zeitpunkt aber nicht. Dafür haben sie danach die Band La Nefera aufgebaut. Und mit dieser touren sie heute erfolgreich durch ganz Europa. «Dass wir nun Jahre später vor der gleichen Chance stehen, das ist schon sehr oh.my.god!»
«Ich kenne ihre Battles nicht»
Wenn Jennifer heute zu ihrem Geburtsort, der Dominikanischen Republik, zurückfliegt, findet sie sich jeweils in einer neuen Welt wieder: «Auch die Entfremdung zu meinem Vater bewegt mich sehr. Ich war früher ein mega Papi-Kind. Das ist nur ein Thema, das mich beschäftigt, und das ich auf Papier bringen muss – meine Strategie, um Sachen zu verarbeiten.» Natürlicherweise passiert das in ihrer Muttersprache Spanisch; in der Hoffnung, dass ihr Papi sie dann besser verstehe. «Es ist und war mir wichtig, meine neue Schweizer Realität auch ihm mitzuteilen.» Und zu zeigen, dass diese Realität nicht nur schön ist: «Wir investieren so viel Zeit in die Arbeit, sind dauernd abgelenkt, ohne zu checken, wer neben uns wohnt und lebt und was das Leben uns Tag für Tag schenkt.»
Sie bleibt kurz stehen, um den Termin mit ihrem «Videomenschen» für den anstehenden Videoclipdreh zu fixen. «Es gab immer Leute, die nicht an mich geglaubt haben, sich sogar über mich lustig gemacht haben. Mein neues Album beschäftigt sich mit der Loslösung – von Ängsten, von gesellschaftlichen Erwartungen und Werten. Es geht darum, an sich zu glauben und sein Leben in die Hände zu nehmen.» Und zwar möglichst frei von Vorurteilen und tief verankerten Rollenmustern. «Ich ertappe mich auch immer wieder dabei, wie ich mich unbewusst aufs Frausein beschränke und sozialisierte Verhaltensmuster übernehme, indem ich beispielsweise den Mist anderer wegräume oder automatisch die Verantwortung für meine Mitmenschen übernehme. Wir führen alle Kämpfe auf verschiedenen Ebenen. Umso wichtiger ist es, dass wir dabei Respekt und Verständnis füreinander aufbringen. Wer ist schon dazu berechtigt, zu entscheiden, wer sich gegen das System auflehnen darf und wer nicht?!» Auch in der Musikszene gäbe es Beispiele: «Da gibt es diese eine Musikerin aus der Dominikanischen Republik, Tokischa, die mit ihrem ultra sexualisierten Auftritt von null auf hundert zum Weltstar wurde. Zuerst dachte ich: oh.mein.Gott! Aber hey, ich kenne ihre Battles nicht! Für sie bedeutet ihr Auftreten vielleicht ein Befreiungsschlag.»
So gibt es auch bei La Nefera ganz klar Themen, die im Vordergrund stehen. «Ich kann zum Beispiel nicht abschalten, dass ich Sozialarbeiterin bin.»
Wenn und wo sie sich denn besonders erfüllt fühle, will ich wissen. «Im Urwald, bald. Nein, ehrlich, ich find’s geil, wenn ich es schaffe, voll im Hier und Jetzt zu sein; das passiert leider nicht so häufig. Und an einem neuen Ort oft einfacher.» Am besten schreiben könne sie jedoch zuhause: «Mein Schlafzimmer ist gleichzeitig auch mein Büro und mein Aufnahmestudio. Dort kann ich das Mic einschalten und einfach mit dem Flow gehen, frei improvisieren.»
Wo ich meinen Schmuck kaufe?
Unser Spaziergang neigt sich langsam dem Ende zu. Ob es noch ein Thema gäbe, das ihr besonders wichtig ist? «Essen! Ich liebe die asiatische Küche vom Boo. Und das Zmorge im Avant-Gouz. Matcha Latte habe ich sonst in Basel noch nirgends gefunden!»
Ausgangstechnisch gehe sie eher an Konzerte, «Ich bin nicht so der Party-Mensch. Die Kaserne bookt in meinen Augen recht gut. Übrigens dachte ich, du fragst mich noch, wo ich meinen Schmuck kaufe?» Hä, was! «Es gibt tatsächlich einen geilen Laden, oberhalb der Mitte.» Gut, haben wir das auch geklärt.
Jenny braucht Cash, um ihre Abschiedsgeschenke bei Moccaraba bezahlen zu können. «Der hat sooo viele verschiedene Sorten. Ich habe mich für je eine aus Kolumbien und Costa Rica entschieden, damit meine Mitarbeitenden auch ein Stück von meiner Reise haben.»
Wo wird denn heute Abend eigentlich gefeiert? «Wir holen Pizza bei Vito und essen diese dann gemeinsam im Jugi Gundeli.»
So zotteln wir also zum ATM beim Claraplatz und schauen nochmals auf den letzten Pärklijam, Jennys Lieblingskonzert im 2022, zurück: «Es war so schön! Hinter uns hat sich eine riesige Gewitterwolke gebildet, was mich recht nervös gemacht hat. Bereits den zweiten Track habe ich verkackt. Das Publikum blieb jedoch zum grossen Teil standhaft als der Regen kam. Die Stimmung war soooo cool – es waren enorm viele Leute da, die ich kenne und die teilweise heute noch zu mir kommen, um zu sagen, wie geil es war. Das passiert dir nach externen Gigs weniger.»
«Der Zusammenhalt in der Basler Musikwelt ist echt gross. Da ist kein Hate spürbar – was wirklich schön ist.»
Der Weg bist du
Ja, La Nefera kommt auch in Basel gut an. Im November 2022 durfte sie den Basler Pop-Preis gewinnen. Eine riesen Überraschung für die Vollherzmusikerin: «Ich dachte, wir hätten keine Chance, weil wir schon länger nichts Neues auf den Markt gebracht haben», wird sie auch Wochen später noch emotional, «Ich bin ein Mensch, der immer das Gefühl hat, dass mein Schaffen noch nicht ausreicht, noch besser sein muss ... Dass ich dann realisieren durfte, dass das, was ich mache nicht nur genügt, sondern auch gut ist, war eine mega schöne Einsicht, die in meinem Innern was Wichtiges ausgelöst hat. Mein Selbstwertgefühl ist auf jeden Fall gestiegen. Und irgendwie bin ich auch ruhiger geworden.»
Ein Wink vom Schicksal? Der Abgang von ihrem Job als Sozialarbeiterin, trotz Existenzängsten. Der Beginn einer selbständigen und professionellen Musikkarriere. Die Tatsache, dass sie ganz ohne Druck nach bald zehn Jahren noch immer mit den gleichen Musiker*innen auf der Bühne steht, und der gemeinsame Traum von Kolumbien, der endlich wahr wird, obwohl sie sich bereits mit 26 Jahren anhören müsste, sie sei zu alt fürs Business; dazu nun der ehrenhafte Preis aus ihrer Heimat. Vielleicht ist es wirklich Zeit, dass Jennifer endlich Fuss fasst, wo sie sich so richtig zuhause fühlt – und zwar auf der Bühne. A vivir!
«Wenn du an dich glaubst, wirst du deinen Weg finden», gibt sie auch mir zum Abschied mit.
Schön, ist Jennifer Perez sich und ihrem Weg treu geblieben.