Es gibt Geigen, die werden am Fliessband produziert und sind online für 300 Franken zu haben. Eine handgemachte Geige jedoch kostet ein Vielfaches. Und dann sind da die Luxus-Modelle. Wertanlagen, die für mehrere Millionen gehandelt werden. 45 Millionen Dollar betrug allein das Startgebot bei der Versteigerung einer Stradivari-Bratsche – sie gilt als bislang teuerstes Musikinstrument der Welt. Neben Stradivari sind auch Amati und Guarneri renommierte Geigenbauerfamilien. Sie alle kommen aus dem italienischen Cremona, einem Städtchen in der Lombardei, dessen Geigenbaukunst unterdessen zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO gehört.
In Cremona war es denn auch, wo sich Anna Reber dazu entschied, Geigenbauerin zu werden. Sie hatte eben die Schule abgeschlossen, war im Urlaub und auf der Suche nach Perspektiven. Anna kommt aus einer Musikerfamilie. Der Vater, Organist und Schulmusiker, vier Geschwister – alle spielten ein Instrument. Anna, die Jüngste, spielte Geige. «Allerdings war mein Vater mit mir nicht mehr so streng, ich habe kaum geübt …» lacht sie. Entsprechend hatte sie auch keine Ambitionen, beruflich Musik zu machen. Dennoch, damals im Urlaub in Cremona, wurde ihr klar; Geigenbauerin, das ist ihres.
Ob man davon leben kann, fragen mich die Leute oft. Und: Braucht’s das heute noch?Anna Reber
Ja, das braucht’s heute noch!
Nach der Ausbildung an der Geigenbauschule in Brienz und mehreren Praxisjahren machte sie sich in Basel selbständig. Seit zwei Jahren betreibt sie ihr Atelier am Petersgraben. «Ob man davon leben kann, fragen mich die Leute oft. Und: Braucht’s das heute noch?» Anna schmunzelt. Ihr ist die Arbeit noch nie ausgegangen – Musikhochschule und Schola Cantorum Basiliensis sei Dank. Immer wieder liegen auch namhafte Instrumente mit hohem Wert auf ihrem Tisch. Dann wird sie nervös. «Bei einem wirklich teuren Instrument darf dir nichts kaputt gehen», weiss sie. Doch wo gehobelt wird, fallen Späne. Und bei Anna wird viel gehobelt. Ihre Werkzeugsammlung ist beachtlich: Eine Vielzahl an Schnitzmessern, Stemmeisen, Raspeln und Feilen liegen auf dem Tisch. Sägen, Winkel und Hammer hängen an der Wand. In den Schubladen und auf den Regalen stehen unzählige Spezial-Geräte, Fläschchen, Tuben und Dosen.
«Das Gute ist, wir können alles flicken», schmunzelt sie. Aber es ist natürlich eine Horrorvision, dass mir mit einem wirklich wertvollen Instrument ein Missgeschick passiert. Nach der Lehre habe ich einmal einen teuren Bogen zerbrochen – das vergesse ich nie wieder!» Auch ein Bogen kann leicht 5000 Franken und mehr kosten. Für das Herstellen eines Bogens gibt es eine eigene Ausbildung, die allein vier Jahre dauert. Anna flickt die Bogen nur und bespannt sie neu. Ein Instrument muss jedoch nicht zwingend teuer sein, um einen immensen Wert zu haben. «Den persönlichen Wert darf man nicht unterschätzten. Vielleicht ist eine Geige Schrott, aber der Grossvater selig hat bereits darauf gespielt. Dann darf sie dir beim Reparieren eben auch nicht kaputtgehen.»
Man sagt, von 1000 Bäumen kann man nur einen für den Geigenbau gebrauchen.
200 Stunden Arbeit mit 200 Jahre altem Holz
Es ist eine eigene Welt, in der Anna sich da bewegt. Sie erzählt vom Knochenleim, den sie nach alter Tradition zum Verleimen der Holzteile verwendet, weil der elastisch ist und wahnsinnig gut hält. Und sie zeigt das Pferdehaar, das Büschelweise an der Wand hängt. Es kommt von Hengsten. «Stutenhaare nimmt man nicht, weil Stuten über ihre Schweife pinkeln. Für eine Geige brauchst du mongolische, für ein Cello sibirische Haare.» Auch das Holz ist eine Philosophie für sich. «Man sagt, von 1000 Bäumen kann man nur einen für den Geigenbau gebrauchen», so Anna. «Das Holz muss sehr feinjährig, also langsam und dicht gewachsen sein, so dass die Jahresringe gleichmässig und eng beieinander liegen. Oft kommt es aus den Alpen. Um eine Geige bauen zu können, muss der Baum einen gewissen Durchmesser haben, den er erst ab etwa 200 Jahren erreicht.»
Je mehr Anna während dem Schleifen, Leimen und Schrauben erzählt, desto deutlicher wird: Der hohe Preis eines Streichinstruments hat seine Berechtigung. 200 Stunden benötigt ein geübter Handwerker, um eine Geige zu bauen. Das lohnt sich nur noch für die wenigsten – nur Profis kaufen Geigen, die 20'000 Franken und mehr kosten. Anna baut zwar aktuell für einen ihrer Söhne ein Cello, ansonsten aber keine Instrumente mehr. Sie fokussiert sich auf Reparaturen und Restaurationen. Zudem vermietet sie Geigen, Bratschen und Celli an Musikschülerinnen und Musikschüler. Meist sind es eher günstigere Instrumente für ein paar tausend Franken. Auch die können nämlich wunderbar klingen. «Sowieso hört man nicht jeder teuren Geige den Preis an – oft zahlst du auch den Namen», findet Anna. «Sobald man weiss, jetzt spielt eine Stradivari im Wert von 3 Millionen, wird man ehrfürchtig. Objektiv über den Klang zu urteilen, ist dann schwierig.» Dennoch werden sie nach wie vor gespielt, die extrem wertvollen, hunderte von Jahren alten Instrumente – nicht nur von Stars wie Anne-Sophie Mutter oder David Garrett. Braucht eines dieser Instrumente Annas professionelle Hilfe, schliesst sie es nach der Reparatur in einem riesengrossen Safe ein; sicher ist sicher.
Unterdessen beugt sich Anna über ein in die Jahre gekommenes Kinder-Cello, bei dem sich die Decke gelöst hat. Mit festem, geübtem Griff packt sie das Instrument an, verleimt neu, montiert Schraubzwingen, schüttelt den Kopf: «Die Reparatur lohnt sich nur noch wegen dem emotionalen Wert.» Im Hinterzimmer reihen sich Instrumente auf diversen Regalen und in Vitrinen, hängen unzählige Bögen an der Wand, finden sich Instrumentenkoffer, Kolophonium, Schulterstützen, Saiten, Stege, Wirbel. Anna kennt sich mit alledem bestens aus. Und auch mit Notfällen von Musikstudentinnen oder Sonderwünschen von Star-Geigern. Mit ihrem offenen und pragmatischen Wesen, der Stimmgabel in der Schürze und dem Schnitzmesser in der Hand steht sie mit beiden Beinen inmitten der oft etwas abgehobenen Musik-Welt und sorgt dafür, dass grosse und kleine Menschen auf ihren Geigen und Celli kleine und grosse Erfolge feiern können.
Anna Reber Geigenbau
Petersgraben 18